Teil 2 Hunters Point
Kapitel Fünf
1
Das ausladende, zweistöckige Gebäude aus der Kolonialzeit befand sich auf halbem Weg die Stichstraße hinunter, ein ganzes Stück von der Straße zurückgesetzt. Eine weite, sorgfältig gepflegte Rasenfläche bildete eine ausreichende Zone zwischen den Häusern zu beiden Seiten. Ein roter Ferrari parkte in der Auffahrt vor den drei Garagen.
Nancy Gordon war klar, dass es schwierig werden würde, als sie den erstaunten Ausdruck auf den Gesichtern der Nachbarn wahrnahm, die sich an der Polizeiabsperrung drängten. Sie waren entsetzt von der Anwesenheit der Polizeifahrzeuge und des Leichenwagens. Das passte so gar nicht in die bürgerliche Umgebung von The Meadows, wo die Preise für Häuser bei einer halben Million Dollar begannen und Verbrechen einfach nicht erlaubt waren. Sie wusste, dass es erst recht schwer werden würde, als sie die Gesichter der beiden Detectives sah, die auf dem Rasen vor der Eingangstür standen und sich mit leiser Stimme unterhielten.
Nancy parkte hinter einem Dienstwagen und zwängte sich zwischen den Absperrungen hindurch. Frank Grimsbo und Wayne Turner unterbrachen ihr Gespräch, als sie Nancy sahen. Sie trug Jeans und ein T-Shirt. Der Anruf hatte sie erreicht, als sie es sich in einem schäbigen Nachthemd vor dem Fernseher bequem gemacht hatte, billigen Weißwein trank und zusah, wie die Mets die Dodgers auseinandernahmen. Das, was sie jetzt anhatte, war das erstbeste, was ihr in die Hände gekommen war, und das letzte, worüber sie sich Gedanken gemacht hatte.
»Newman sagt, dass wir diesmal eine Leiche haben«, meinte Nancy aufgeregt.
»Zwei.«
»Woher wissen wir, dass er es war?« wollte sie wissen.
»Der Zettel und die Rose lagen neben der Frau auf dem Boden«, erklärte Grimsbo. Er war ein großer Mann mit einem Bierbauch und dünner werdendem schwarzem Haar, der billige karierte Jacketts und Hosen aus Kunstfaser trug.
»Er war es ganz bestimmt«, behauptete Turner, ein schlanker Schwarzer mit kurzgeschnittenen Haaren und immer gerunzelter Stirn, der inzwischen sein zweites Jahr auf der juristischen Abendschule absolvierte. »Der erste Polizist, der eintraf, war intelligent genug zu erkennen, was los ist. Er hat mich sofort angerufen. Michaels hat den Zettel und die Rose sichergestellt, bevor jemand anderes dazukam.«
»Das ist endlich etwas. Wer ist das zweite Opfer?«
»Melody Lake«, antwortete Grimsbo. »Sie war sechs Jahre alt, Nancy.«
»Verdammte Scheiße.« Die Aufregung, die sie dabei empfunden hatte, endlich eine Leiche zu haben, verflog sofort. »Hat er... Ist irgendwas mit ihr gemacht worden?«
Turner schüttelte den Kopf. »Sie ist nicht missbraucht worden.«
»Und die Frau?«
»Sandra Lake. Die Mutter. Tod durch Erwürgen. Sie ist heftig geschlagen worden, aber es gibt auch bei ihr keine Hinweise auf ein Sexualdelikt. Natürlich ist noch keine Autopsie gemacht worden.«
»Haben wir Zeugen?«
»Keine Ahnung«, meinte Grimsbo. »Ein paar Beamte sprechen mit den Nachbarn, bis jetzt ohne Ergebnis. Der Ehemann hat die Leichen gefunden und hat uns gegen Viertel nach acht über den Notruf angerufen. Er sagt, er habe niemanden gesehen, also muss der Mörder lange, bevor der Mann nach Hause kam, weg gewesen sein. Das hier ist eine Sackgasse, die auf die Sparrow Lane stößt, der einzigen Straße, die aus dem Wohngebiet führt. Der Ehemann müsste jeden gesehen haben, der hier heraus oder herein kam.«
»Wer hat mit ihm gesprochen?«
»Ich, aber nur ein paar Minuten«, antwortete Turner. »Und natürlich die Beamten, die zuerst hier waren. Er war zu verwirrt, um etwas Vernünftiges von sich zu geben. Du kennst ihn, Nancy.«
»So?“
»Es ist Peter Lake.«
»Der Rechtsanwalt?«
Grimsbo nickte. »Er hat Daley verteidigt.«
Nancy runzelte die Stirn und versuchte sich daran zu erinnern, was sie über Peter Lake wusste. Sie hatte mit dem Fall Daley nicht viel zu tun gehabt. Alles, was ihr zu dem Verteidiger einfiel, war sein gutes Aussehen und seine Tüchtigkeit. Sie war weniger als eine halbe Stunde im Zeugenstand gewesen.
»Ich geh' besser mal rein«, erklärte sie.
Die Eingangshalle war riesig. Ein kleiner Leuchter hing an der Decke. Ein tiefer gelegenes Wohnzimmer befand sich direkt vor ihr. Der Raum war makellos. Durch ein großes Panoramafenster im Hintergrund konnte sie auf einen künstlichen Teich sehen. Hell gebeizte Eichentische mit Granitplatten, Sessel und ein Sofa in Pastelltönen und Makrame-Wandteppiche waren geschickt im Raum verteilt. Wahrscheinlich hatte da ein Innenarchitekt seine Hand im Spiel. Das Ganze wirkte mehr wie ein Ausstellungsraum denn ein Ort, an dem Menschen lebten.
Links führte eine breite Treppe nach oben. Ein poliertes Holzgeländer folgte der Biegung der Stufen. Die Pfosten, die das Geländer trugen, standen dicht beieinander. Durch die Lücken konnte Nancy auf halber Höhe einen kleinen Körper sehen, über den eine Decke gebreitet war. Sie wandte sich ab.
Die Spurensicherung nahm Fingerabdrücke, machte Fotos und sammelte Beweise. In der Mitte der Eingangshalle stand Bruce Styles, der Gerichtsmediziner, mit dem Rücken zu Nancy, zwischen einem Beamten und seinem Assistenten.
»Sind Sie fertig?« fragte Nancy.
Der Arzt nickte und trat zur Seite. Die Frau lag mit dem Gesicht nach unten auf dem weißen Langflorteppich. Sie trug ein weißes, der brütenden Hitze angepasstes Baumwollkleid. Ihre Füße waren nackt, das lange braune Haar war blutverklebt. Nancy vermutete, dass sie von einem Schlag auf den Kopf niedergestreckt worden war, und Styles bestätigte ihren Verdacht.
»Ich glaube, sie rannte zur Tür, und er hat sie von hinten erwischt. Sie könnte noch halb bei Bewusstsein gewesen sein, als sie erwürgt wurde.“
Nancy ging um den Körper herum, um einen Blick in das Gesicht der Frau werfen zu können. Sie bereute es sofort. Wenn diese Frau attraktiv gewesen war, dann war jetzt nichts mehr davon zu sehen. Nancy atmete ein paar Mal tief durch.
»Was ist mit dem kleinen Mädchen?« erkundigte sie sich.
»Genickbruch«, meinte Styles. »Es starb schnell und schmerzlos.«
»Wir glauben, dass sie den Mörder ihrer Mutter gesehen hat«, warf Turner ein. »Anzunehmen, dass sie ihre Schreie gehört hat und dann die Treppe herunterkam.«
»Wo ist der Ehemann?« fragte Nancy.
»Den Flur entlang, in dem Zimmer«, erklärte Turner.
»Es hat keinen Zweck, es auf die lange Bank zu schieben.«
Peter Lake lag teilnahmslos in einem Sessel. Jemand hatte ihm ein Glas Scotch in die Hand gedrückt, aber es war immer noch mehr als halbvoll. Er schaute auf, als Nancy den Raum betrat, und sie sah sofort, dass er geweint hatte. Selbst in dieser Verfassung war Peter Lake noch ein faszinierender Mann mit großem, schlankem, athletisch gebautem Körper. Lakes gutgeschnittenes goldblondes Haar, seine blassblauen Augen und seine glattrasierten, scharfen Gesichtszüge waren es, die die weiblichen Geschworenen meist auf seine Seite brachten.
»Mr. Lake, erinnern Sie sich an mich?« eröffnete Nancy das Gespräch.
Lake schien verwirrt.
»Ich bin Detective im Morddezernat. Mein Name ist Nancy Gordon. Sie haben mich bei dem Fall Daley ins Kreuzverhör genommen.«
»Ja, natürlich. Tut mir leid. Ich beschäftige mich jetzt nicht mehr viel mit Strafsachen.«
»Wie fühlen Sie sich?« fragte Nancy, während sie sich Lake gegenübersetzte.
»Wie tot.«
»Ich weiß, was Sie jetzt durchmachen...« Nancy starrte vor sich hin, plötzlich fuhr Lakes Kopf nach oben.
»Meinen Sie wirklich? Sie sind tot! Meine ganze Familie ist tot!“
Lake schlug die Hände vors Gesicht und weinte. Seine Schultern zitterten.
»Ja, ich weiß, was Sie jetzt empfinden«, sagte Nancy leise. »Vor einem Jahr ist mein Verlobter ermordet worden. Deshalb weiß ich genau, wie sich die Hinterbliebenen fühlen, und manchmal kann ich ihnen sogar helfen, über das Schlimmste hinwegzukommen.«
Lake sah auf und trocknete die Tränen. »Es tut mir leid«, entschuldigte er sich. »Es ist nur so schwer. Sie haben mir alles bedeutet. Und Melody... wie kann man das einem so kleinen Mädchen nur antun. Sie hat niemandem etwas zuleide getan. Sie war einfach nur ein kleines Mädchen.«
»Mr. Lake, während der letzten paar Monate sind in Hunters Point vier Frauen verschwunden. Jedes Mal wurden eine schwarze Rose und ein Zettel, genau wie Sie sie fanden, am Tatort zurückgelassen. Ich weiß, wie sehr Sie das alles mitnimmt, aber wir müssen schnell handeln. Heute haben wir zum ersten Mal tatsächlich ein Opfer. Das kann bedeuten, dass Sie den Mörder überrascht haben, bevor er ihre Frau beiseiteschaffen konnte. Alles, was Sie uns sagen können, ist immens wichtig und kann uns helfen, den Mann zu fassen, bevor er wieder zuschlagen kann.«
»Ich weiß nichts. Glauben Sie mir, ich habe darüber nachgedacht. Ich habe Sandy angerufen und ihr gesagt, dass ich später komme. Als ich hierher fuhr, fiel mir nichts Besonderes auf. Dann habe ich... ich weiß nicht mehr, was ich dann wirklich getan habe... ich weiß, dass ich mich auf die unterste Stufe gesetzt habe.«
Lake verstummte, atmete tief durch und versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Seine Lippen zitterten. Er nahm einen Schluck von seinem Scotch.
»Das ist sehr schwer für mich, Detective. Ich möchte Ihnen helfen, aber... Wirklich, es ist sehr schwer.«
Nancy stand auf und legte Lake eine Hand auf die Schulter. Er brach erneut in Tränen aus.
»Ich lass' Ihnen meine Visitenkarte da. Rufen Sie mich an, wenn ich etwas für Sie tun kann. Wenn Sie sich an etwas erinnern, egal wie unwichtig es Ihnen erscheint, rufen Sie mich bitte sofort an!«
»Ja. Morgen geht es mir bestimmt besser... es ist nur...«
»Schon gut. Noch eins. Die Medien werden hinter Ihnen her sein; die werden Ihre Privatsphäre nicht respektieren. Bitte, kein Wort zu den Journalisten. Es gibt viele Umstände bei diesem Fall, die nicht an die Öffentlichkeit dringen dürfen. Wir halten bestimmte Fakten bewusst zurück, damit wir leichter falsche Geständnisse aussortieren und den wirklichen Mörder fassen können. Es ist sehr wichtig, dass Sie Ihr Wissen für sich behalten.«
»Ich werde nicht mit der Presse reden. Ich möchte überhaupt niemanden sehen.«
»In Ordnung«, meinte Nancy mitfühlend. »Es wird schon wieder werden. Nicht so schnell, aber irgendwann werden Sie sich mit Ihrem Schmerz arrangieren. Es wird nicht einfach sein. Auch ich habe den Schmerz noch nicht ganz überwunden. Aber es geht mir schon wieder besser, und auch Ihnen wird es wieder besser gehen. Denken Sie daran, was ich gesagt habe! Rufen Sie mich an! Nicht nur wegen der Ermittlungen, auch wenn Sie einfach mit jemandem reden wollen, ja?«
Lake nickte. Als Nancy den Raum verließ, lag er wieder im Sessel, den Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen.
2
Hunters Point war ein typischer Pendler-Vorort mit 110.000 Einwohnern. Es gab ein kleines Stadtzentrum mit ein paar Boutiquen und besseren Restaurants, einem kleinen Gebäude der State University und eine Reihe von Supermärkten. Slums gab es in Hunters Point nicht, wohl aber einige Gegenden mit billigen Häusern und Wohnungen am Rande des Zentrums, in denen Studenten und Familien lebten, die sich die teuren Wohngegenden wie The Meadows, wo die Rechtsanwälte, Ärzte und Geschäftsleute lebten, nicht leisten konnten.
Die Polizeistation war ein tristes, quadratisches Gebäude am Stadtrand. Es befand sich in der Mitte eines flachen asphaltierten Parkplatzes, der von einem Maschendrahtzaun umgeben war. Der Parkplatz war voll von Polizei- und Zivilfahrzeugen und zwei Lastwagen.
Die Sonderkommission »Rosenmörder« hatte ihr Büro in einem alten Lagerraum an der Rückseite des Gebäudes. Es gab keine Fenster, und das fluoreszierende künstliche Licht war unangenehm hell. Ein Kühlschrank war zwischen zwei brusthohe Aktenschränke gequetscht, und ein niedriger Tisch stand auf wackligen Beinen an eine beige Wand gelehnt. Auf dem Tisch stand eine Kaffeemaschine, vier Becher, eine Zuckerschale und eine braune Plastiktasse mit mehreren Päckchen Trockenmilch. Vier graue Metallschreibtische waren in der Mitte des Raumes zusammengestellt, Pinwände mit Bildern der Opfer und Hinweisen auf die Verbrechen hingen an zwei Wänden.
Nancy Gordon brütete über ihrem Bericht über den Fall Lake. Das flackernde Neonlicht bereitete ihr Kopfschmerzen. Sie schloss die Augen, lehnte sich zurück und rieb sich die Augen. Als sie wieder aufsah, blickte sie auf die Bilder von Samantha Reardon und Patricia Cross, die Turner an die Wand geheftet hatte. Die Bilder waren ihnen von den Ehemännern zur Verfügung gestellt worden. Samantha stand auf dem Deck eines Segelbootes; sie war eine große Frau, ihr Haar flatterte im Wind, und auf ihrem Gesicht stand ein glückliches Lächeln. Pats Bild war am Strand von Oahu aufgenommen, sie trug Shorts und ein Bikinioberteil und war sehr schlank, eigentlich fast zu dünn. Ihre Freunde behaupteten, sie sei zu sehr auf ihre Figur bedacht gewesen. Samantha Reardon war Krankenschwester gewesen, aber schon bald nach der Hochzeit hatte sie aufgehört zu arbeiten. Die anderen Frauen hatten keinen richtigen Beruf gelernt. Sie waren glückliche Hausfrauen, lebten in Luxus und verbrachten ihre Zeit mit Golf und Bridge. Ihre Vorstellung, etwas für die Gemeinschaft zu tun, bestand darin, Geld für wohltätige Zwecke bei irgendwelchen Veranstaltungen aufzutreiben. Wo waren diese Frauen jetzt? Waren sie tot? Waren sie schnell gestorben oder langsam, hatten sie gelitten? Wie hatten sie es ertragen? Wie viel von ihrer Würde hatten sie bewahren können?
Das Telefon klingelte. »Gordon«, meldete sich Nancy.
»Da ist ein Mr. Lake«, sagte der Diensthabende. Nancy straffte sich. Weniger als zweiundsiebzig Stunden waren seit ihrem Besuch am Tatort vergangen.
»Ich komme sofort«, erklärte Nancy und ließ ihren Stift auf den Stapel von Polizeiakten fallen.
Die Eingangstür der Polizeistation führte in einen kleinen Raum, in dem sich ein paar billige, mit Kunstleder überzogene und mit Armstützen aus Stahlrohr ausgestattete Stühle befanden. Der Eingangsbereich war vom Rest des Gebäudes durch einen Schalter mit Schiebefenster und einer elektronisch gesicherten Tür getrennt. Lake saß auf einem der Stühle. Er trug einen dunklen Anzug mit einer kastanienbraunen Krawatte, sein Haar war sorgfältig gekämmt. Einzig seine rotgeränderten Augen, die auf zu wenig Schlaf und zu viele Tränen hindeuteten, zeugten von seinem tragischen Schicksal. Nancy drückte den Knopf neben dem Schalter des Diensthabenden und öffnete die Tür.
»Ich war nicht sicher, ob Sie da sind«, erklärte Lake. »Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich einfach so hereinplatze, ohne vorher anzurufen.«
»Nein, absolut nicht. Kommen Sie weiter. Ich suche uns einen Platz, wo wir uns in Ruhe unterhalten können.«
Lake folgte Nancy einen Flur hinunter, der ihn an einen Schulkorridor erinnerte. Sie liefen über abgetretenes grünes Linoleum, das hie und da Buckel warf, vorbei an ungestrichenen braunen Holztüren. Placken grüner Farbe fielen von den Wänden. Nancy öffnete die Tür zu einem der Verhörräume und ließ Lake eintreten. Die Wände und die Decke waren mit weißen geräuschdämmenden Platten ausgekleidet.
»Nehmen Sie Platz«, sagte Nancy und deutete auf einen der Plastikstühle, die auf beiden Seiten des langen Holztisches standen. »Ich besorge uns erstmal Kaffee. Wie trinken Sie ihn?«
»Schwarz«, erklärte Lake.
Als Nancy mit zwei Plastikbechern zurückkam, saß Lake mit den Händen im Schoß am Tisch.
»Wie fühlen Sie sich?« fragte sie.
»Ich bin sehr müde und niedergeschlagen. Ich habe heute versucht zu arbeiten, aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Ich muss immer an Melody denken.«
Lake verstummte und atmete tief durch. »Nun, die Sache sieht so aus: Ich bin nicht in der Lage zu arbeiten, und wie es aussieht, wird das auch noch eine Zeitlang so bleiben. Heute Morgen habe ich mich an eine Grundstückssache gemacht und... Es war mir alles so völlig egal.
Ich habe zwei Partner, die meine Kanzlei am Laufen halten, bis ich wieder dazu in der Lage bin, falls es jemals dazu kommen sollte. Jetzt aber will ich erst alles daransetzen herauszufinden, wer Sandy und Melody ermordet hat. Ich kann nur noch daran denken.«
»Mr. Lake, auch ich denke nur noch daran. Und nicht nur ich allein. Ich werde Ihnen einiges erzählen, aber das ist streng vertraulich, und ich erwarte, dass Sie es auch vertraulich behandeln.«
Lake nickte: »Bevor Ihre Frau und Ihre Tochter getötet wurden, hatten wir vier Fälle von verschwundenen Frauen. Keine von ihnen ist bis heute gefunden worden. Es dauerte einige Zeit, bis wir auf der richtigen Spur waren, denn es gab keine Leichen. Zuerst ging man wie bei vermissten Personen vor. Wir fanden an jedem Tatort einen Zettel mit der Aufschrift AUF EWIG UNVERGESSEN und eine schwarze Rose, also wussten wir nach dem zweiten Mal, dass wir es mit demselben Täter zu tun hatten. Der Chef hat eine Sonderkommission zusammengestellt, die den Fall bearbeitet...«
»Ich bin sicher, dass Sie alles Notwendige tun«, unterbrach Lake Nancy. »Ich wollte Sie auch nicht kritisieren. Ich will einfach nur helfen. Ich möchte mich freiwillig für die Sonderkommission melden.«
»Das ist absolut unmöglich, Mr. Lake. Sie sind kein Polizeibeamter. Außerdem wäre es auch nicht sinnvoll. Sie stecken emotional viel zu tief in der Sache drin, um objektiv zu sein.«
»Anwälte haben gelernt, objektiv zu sein. Außerdem kann ich etwas zu den Nachforschungen beitragen, nämlich die genaue Kenntnis des kriminellen Denkens, die ich mir als Strafverteidiger angeeignet habe. Strafverteidiger lernen über die Art, wie Verbrecher denken, Dinge, die die Polizei nie erfährt, denn uns vertrauen die Mandanten. Meine Klienten wissen, dass sie mir alles erzählen können, egal, wie schrecklich es auch sein mag, denn ich respektiere ihre Privatsphäre. Bei Ihnen tragen die Täter so etwas wie eine Maske, ich dagegen sehe ihr wahres Gesicht.«
»Mr. Lake, Polizeibeamte haben eine ziemlich gute Einschätzung der kriminellen Denkweise - eine zu gute. Wir sehen diese Leute auf der Straße, in ihrem Zuhause. Sie dagegen sehen sie herausgeputzt, in Ihrem Büro, weit weg von ihren Opfern und nachdem sie Zeit gehabt haben, darüber nachzudenken, was sie angerichtet haben. Meist haben sie sich dann eine rührselige Geschichte oder eine Verteidigungsstrategie zurechtgelegt. Aber das spielt alles keine Rolle. Sie können einfach nicht an diesem Fall mitarbeiten. Sosehr ich dieses Angebot auch zu schätzen weiß, meine Vorgesetzten würden es nicht erlauben.«
»Ich weiß, es klingt blöd, aber ich glaube wirklich, dass ich Ihnen helfen könnte. Ich habe einiges auf dem Kasten.«
Nancy schüttelte den Kopf. »Es gibt noch einen anderen guten Grund, warum Sie nicht an dem Fall arbeiten können, denn das würde bedeuten, dass Sie den Tod Ihrer Frau und Ihrer Tochter jeden Tag aufs Neue durchleben, anstatt ihn zu vergessen. Hier liegen die Autopsiebilder herum, Fotos von Ihrer Frau und Ihrer Tochter hängen an der Wand. Möchten Sie das wirklich?«
»Ihre Bilder sind überall in meinem Haus und im Büro, Detective Gordon. Und es gibt keine Minute, in der ich nicht an sie denke.«
»Ich weiß«, seufzte Nancy, »aber Sie müssen aufhören, sich so an sie zu klammern, oder es wird Sie umbringen.«
Lake zögerte. »Erzählen Sie mir von Ihrem Verlobten«, bat er sie dann leise. »Wie... wie haben Sie es geschafft, ihn zu vergessen?«
»Ich habe ihn nicht vergessen. Ich denke noch immer die ganze Zeit an Ed. Besonders nachts, wenn ich allein bin. Ich möchte ihn auch nicht vergessen, und Sie wollen Sandy und Melody auch nicht vergessen.
Ed war Polizist. Ein Betrunkener erschoss ihn, als er einen Streit schlichten wollte. Das war zwei Wochen vor unserer Hochzeit. Zuerst fühlte ich mich wie Sie. Ich konnte nicht arbeiten. Ich bin kaum aus dem Bett gekommen. Ich fühlte mich schuldig, was natürlich Blödsinn war. Ich dachte immer, dass ich etwas hätte tun können. Ich hätte darauf bestehen sollen, dass er an diesem Tag zu Hause blieb. Ich weiß nicht. Das war alles nicht gerade vernünftig.
Aber es wurde besser, Mr. Lake. Nicht wirklich gut, nicht einmal viel besser, aber zumindest besser. Man gerät an den Punkt, wo man sich mit der Tatsache auseinandersetzen muss, dass ein Großteil des Schmerzes aus Selbstmitleid über den Verlust resultiert. Dann muss man sich damit abfinden, sein eigenes Leben zu leben. Man muss weitermachen und die Erinnerung an die guten Zeiten bewahren. Wenn Sie das nicht schaffen, dann hat der, der Ihre Frau und Ihre kleine Tochter umgebracht hat, gewonnen. Dann hat er auch Sie umgebracht.«
Nancy griff über den Tisch und legte ihre Hand auf Peter Lakes Arm.
»Wir kriegen ihn, Mr. Lake. Sie haben so viel zu tun, Sie können sich nicht auch noch um diese Sache kümmern. Wir machen das schon. Wir werden ihn kriegen, das verspreche ich.«
Lake stand auf. »Danke, Detective Gordon.«
»Nancy. Nennen Sie mich Nancy. Und rufen Sie mich an, wenn Sie jemanden zum Reden brauchen.«
3
Eine Woche später betrat der Polizeichef von Hunters Point, John O'Malley, den Raum der Sonderkommission. Normalerweise lief er hemdsärmelig herum, die Krawatte auf halbmast und den obersten Hemdenknopf offen. An diesem Morgen trug O'Malley den dunkelblauen Anzug, der normalerweise für Reden vor dem Rotary Club und Termine beim Bürgermeister reserviert war.
Der Polizeichef hatte die breiten Schultern und den mächtigen Brustkorb eines Mittelgewichtsboxers. Seine Nase war ihm von einem Einbrecher auf der Flucht gebrochen worden, als er noch in der South Bronx in New York war. Sein dünner werdendes, zurückgehendes rotes Haar enthüllte eine alte Narbe, ein Andenken an einen der vielen Bandenkämpfe, die er während seiner Jugend in Brooklyn durchzustehen hatte. O'Malley wäre gern in New York City geblieben, wenn ihn ein Herzanfall nicht gezwungen hätte, seinen Job in einer weniger aufregenden Gegend auszuüben.
Hinter O'Malley ging ein riesiger Kerl in einem beigen Sommeranzug. Nancy vermutete, dass der Anzug maßgeschneidert war, denn er saß perfekt, obwohl der Mann in keine Konfektionsgröße passte.
»Das ist Dr. Mark Klien«, stellte O'Malley seinen Begleiter vor. »Er ist Psychiater aus Manhattan und ein Experte in Bezug auf Massenmörder. Dr. Klien hat bei dem Son-of-Sam-Fall mitgewirkt und bei dem Fall des Kindsmörders Bundy in Atlanta. Er hat mit VICAP gearbeitet. Ich habe ihn vor ein paar Jahren getroffen, als ich noch bei der New Yorker Polizei war und einen Massenmörder zur Strecke bringen sollte. Er hat mir damals sehr geholfen. Dr. Klien kennt alle Unterlagen über die verschwundenen Frauen und die Ermordung von Melody und Sandra Lake.«
»Dr. Klien«, stellte O'Malley die Mitglieder der Sonderkommission vor, indem er der Reihe nach auf sie deutete, »das sind Nancy Gordon, Frank Grimsbo, Wayne Turner und Glen Michaels. Sie arbeiten von Anfang an an diesem Fall.«
Dr. Klien war so groß, dass er die Tür zum Büro vollständig ausfüllte. Als er in den Raum trat, um den Anwesenden die Hände zu schütteln, folgte ihm noch eine weitere Person. O'Malley machte ein unglückliches Gesicht.
»Bevor Dr. Klien loslegt, möchte ich noch erklären, warum Mr. Lake hier ist. Gestern habe ich mich mit dem Bürgermeister getroffen. Er sagte mir, dass Mr. Lake sich freiwillig zur Sonderkommission gemeldet hat, um dabei zu helfen, den Mörder seiner Frau und seiner Tochter zu finden.«
Nancy Gordon und Frank Grimsbo tauschten betroffene Blicke aus. Wayne Turner starrte O'Malley mit offenem Mund an. O'Malley wurde rot, starrte zurück und fuhr dann fort.
»Der Bürgermeister meint, dass Mr. Lake ein besonderes Verständnis für die kriminelle Denkweise einbringen kann, das er sich als Strafverteidiger erworben hat. Das könnte uns eine neue Perspektive bei dem Fall eröffnen.«
»Ich hoffe, dass ich mich nützlich machen kann«, meldete sich Peter Lake zu Wort und lächelte dabei. »Ich weiß, dass ich kein ausgebildeter Polizeibeamter bin, deshalb werde ich versuchen, Ihnen nicht im Wege zu sein.«
»Dr. Klien hat einen vollen Terminkalender«, warf O'Malley ein, wobei er Lake ignorierte. »Er muss den Flug um zehn vor drei zurück nach New York nehmen, deshalb wird er jetzt gleich loslegen.«
Lake setzte sich ganz ans hintere Ende des Raums. Frank Grimsbo schüttelte sachte den Kopf. Wayne Turner verschränkte die Arme vor der Brust und starrte O'Malley vorwurfsvoll an. Nancy runzelte die Stirn. Nur Glen Michaels, der vierschrötige, schon kahl werdende Kriminalist, den O'Malley für die Spurensicherung ins Team geholt hatte, schien in keiner Weise an Lake interessiert. Er hatte seine Aufmerksamkeit auf Mark Klien gerichtet, der nach vorne gegangen war und nun vor der Wand mit den Informationen über die Opfer stand.
»Ich hoffe, dass das, was ich Ihnen sagen kann, von Nutzen für Sie ist«, begann Klien, ohne irgendwelche Notizen zu benutzen. »Ein Nachteil, den eine kleine Polizeistation wie hier in Hunters Point mit einem Fall wie diesem hat, ist die Unerfahrenheit mit solcherart von Verbrechen. Nichtsdestotrotz sind selbst größere Stationen normalerweise hilflos, denn Massenmörder, bei all dem Leid, was sie verursachen, und all der Publicity, die sie erhalten, sind eher - glücklicherweise - selten. Jetzt, da das FBI in Quantico das Violent Crime Apprehension Program eingerichtet hat, können kleine Polizeistationen wie die Ihre die Beschreibung des Falles zu VICAP schicken und überprüfen lassen, ob ähnliche Morde an anderen Orten des Landes stattgefunden haben. VICAP erfasst computermäßig die Beschreibung aller Gewaltverbrechen im ganzen Land und kann Sie mit anderen Polizeistationen verbinden, wo ähnliche Verbrechen registriert worden sind, damit die Nachforschungen koordiniert werden können.
Heute will ich Ihnen das Profil eines Massenmörders entwerfen, damit Sie einige Vorurteile, die Sie vielleicht haben, ablegen. Gleichzeitig werde ich Ihnen ein paar allgemeine Anhaltspunkte geben, auf die Sie achten sollten. Das FBI hat zwei Kategorien herausgearbeitet: den impulsiven Triebtäter und den planenden Psychopathen. Lassen Sie mich über den letzteren zuerst sprechen. Der planende Psychopath ist ein Sexualtäter und wie jeder Psychopath nicht in der Lage, Gefühle zu entwickeln, Mitleid zu empfinden oder sich um andere zu kümmern. Seine Opfer sind für ihn einfach Objekte, die er benutzt, um seine perversen Bedürfnisse zu befriedigen. Seine Wut loszuwerden ist eines dieser Bedürfnisse, entweder durch Verstümmelung oder durch Erniedrigung der Opfer. Der Würger von Boston zum Beispiel hat seine Opfer so zurückgelassen, dass man zuerst ihre gespreizten Beine sah, wenn sie entdeckt wurden. Ein anderer Mörder schickte den Fuß seines Opfers den Eltern, um den Schmerz, den er ihnen schon bereitet hatte, noch zu vergrößern.«
»Entschuldigen Sie bitte, Dr. Klien«, meldete sich Wayne Turner. »Ist es möglich, dass unser Mörder die Zettel dazu benutzt, die Ehemänner zu quälen?«
»Das ist stark anzunehmen. Die Grausamkeit, die darin liegt, diejenigen, die das Opfer liebten, zu quälen und sich damit weitere Opfer zu schaffen, stellt für einen Triebtäter eine faszinierende Möglichkeit dar; zumal ein solcher Mensch weder Moral noch ein Gewissen kennt. Er ist zu allem fähig. Einzelne Körperteile aufzubewahren oder sie zu essen ist durchaus nicht unüblich, und Nekrophilie ist noch verbreiteter. Lucas hat einem seiner Opfer den Kopf abgeschlagen und damit eine Woche lang oralen Verkehr gehabt, bis der Geruch so stark wurde, dass er den Kopf verschwinden lassen musste.«
»Ist das die Art von verrücktem Bastard, mit dem wir es hier zu tun haben?« wollte Grimsbo wissen.
»Nicht verrückt, Detective. Trotz ihres extremen Verhaltens sind diese Leute nicht im rechtlichen Sinne krank. Sie wissen genau, was moralisch und gesetzlich erlaubt bzw. verboten ist. Das Schlimme an der Sache ist, dass sie nichts aus ihren Erfahrungen lernen, also weder eine Behandlung noch ein Gefängnisaufenthalt ihr Verhalten ändert. Tatsache ist, dass gerade das Zwanghafte dieser Triebhandlungen sie immer wieder dazu bringen wird zu morden.«
»Was bedeutet die schwarze Rose?« meldete sich Nancy zu Wort.
»Das kann ich nicht sagen, aber die Phantasie und das Zwanghafte bestimmen einen Großteil der Handlungen dieser Menschen, und die Rose kann ein Element aus der Phantasie des Mörders sein. Vor dem Verbrechen malen sie sich jedes Detail genau aus, planen akribisch, was sie tun werden. Damit steigern sie ihre Erregung, ihre Erwartung, so dass das eigentliche Verbrechen ein Akt der Befreiung ist.
Wenn der Mord dann geschehen ist, stellt sich ein Gefühl der Erleichterung ein, bis sich die Spannung wieder aufgebaut hat und der ganze Kreislauf von neuem beginnt. Son ofSam sprach von der großen Erleichterung, die er nach jedem Mord empfand, aber gleichzeitig zeigte er sein eingeschränktes Urteilsvermögen, als er erklärte, dass er nicht verstanden habe, warum sich seine Opfer so heftig gewehrt hätten, da er sie ja nur töten und nicht vergewaltigen wollte.
Da die Phantasie eine solch große Rolle im Verhalten dieser Triebtäter spielt, tragen sie meist einen bestimmten Teil des Körpers ihrer Opfer oder ein Stück der Kleidung mit sich herum. Das brauchen sie, um sich die Tat immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Dieser extensive Einsatz der Phantasie zeigt sich auch in der minutiösen Planung der Verbrechen. Der Hillside-Würger kaufte sich nicht nur eine Waffe, sondern auch gleich Plastiksäcke, um die Leichen loszuwerden... Das könnte der Grund sein, warum an Ihren Tatorten jegliche Spuren fehlen. Ich würde behaupten, dass ihr Mörder sich sehr gut mit Polizeiarbeit auskennt. Gehe ich recht in der Annahme, dass die Zettel und die Rosen keine Hinweise erbracht haben und man am Tatort weder ein Haar noch eine Faser gefunden hat, die verwertbar gewesen wären?«
»Das trifft es genau«, stimmte Glen Michaels zu. »Auf dem Zettel im Hause der Lakes war ein Fingerabdruck, aber es stellte sich heraus, dass er von Mrs. Lake stammt. All die anderen waren blütenrein, und auch das Papier und die Tinte waren nicht ungewöhnlich. Bis jetzt haben die im Labor nichts gefunden, was uns weiterhelfen könnte.«
»Das überrascht mich nicht«, erklärte Klien. »Diese Menschen zeichnet ein merkwürdiges Interesse für die Polizei und die Polizeimethoden aus. Einige von ihnen hatten sogar am Rande mit Gesetzeshütern zu tun. Bundy hat Kurse beim FBI besucht, und Bianchi war bei einem Wachdienst angestellt und Mitglied bei der Polizeireserve. Das heißt, sie wissen sehr gut, was sie tun müssen, um unentdeckt zu bleiben. Ihr Interesse an der Polizeiarbeit kann auch darin begründet sein, dass sie wissen wollen, wie dicht ihnen die Polizei schon auf den Fersen ist.
Lassen Sie uns aber auch über die Opfer reden. Normalerweise werden sie ganz zufällig ausgewählt. Der Täter fährt einfach herum, bis er sich auf jemanden konzentriert. Prostituierte werden dabei am leichtesten zu Opfern, weil sie, ohne viel zu fragen, in den Wagen steigen und manchmal sogar einwilligen, dass man sie fesselt. Das Opfer kommt im Allgemeinen nicht aus der Gegend des Mörders und ist normalerweise ein Fremder, was es noch schwerer macht, Verbindungen herzustellen.«
»Glauben Sie, dass dies auch in unserem Fall zutrifft?« wollte Nancy wissen.
»Ich denke, diese Frauen passen alle in ein Raster. Sie sind mit erfolgreichen Männern verheiratet, sie haben keinen eigenen Beruf, und bis auf Mrs. Lake waren sie alle kinderlos. Außerdem stammen sie aus der gleichen Stadt, Deutet das nicht auf sorgfältige Planung hin? Ich glaube, dass er es eher auf eine bestimmte Art von Opfer abgesehen hat, die genau seinen Vorstellungen entspricht, als dass er willkürlich Frauen aufgreift.«
»Stimmt. Die Opfer scheinen wirklich nicht nach dem Zufallsprinzip ausgewählt worden zu sein. Es ist ziemlich klar, dass der Mörder eine bestimmte Art von Frauen in einer bestimmten Gegend sucht, was darauf hindeutet, dass er vielleicht in Hunters Point lebt.«
»Was ich nicht verstehe, ist, wie er an die Frauen herankommt«, warf Wayne Turner ein. »Wir haben es hier mit gebildeten Frauen zu tun, die in guter Nachbarschaft leben, wo man Fremden gegenüber misstrauisch ist. Trotzdem gibt es außer bei den Lakes keine Anzeichen eines Kampfes, und selbst dort waren die Kampfspuren nicht der Rede wert.«
Klien lächelte. »Das führt uns zu einer der größten Fehleinschätzungen bezüglich der Triebverbrecher, Detective Turner. Im Kino werden sie als Monster dargestellt, doch im wirklichen Leben sind sie ein Teil der Gemeinschaft und erwecken keinen Verdacht. Normalerweise sind es aufgeschlossene, nette, sogar gutaussehende Männer. Bundy, der Interstate-Mörder, der Hillside-Würger, Cortez, sie alle waren respektabel aussehende Männer. Nun, unser Mörder ist wahrscheinlich jemand, dem diese Frauen ohne Bedenken ihre Tür öffnen würden.«
»Haben Sie nicht gesagt, es gäbe zwei Arten von Triebtätern?« warf Grimsbo ein.
»Ja, es gibt auch noch den willkürlich zuschlagenden, impulsiven Triebtäter. Doch bei Ihrem Fall hier haben wir es nicht mit jemandem dieser Kategorie zu tun. Das ist leider so, denn diese Täter sind einfacher zu erwischen. Es sind psychopathische Einzelgänger, die kaum Kontakt zu anderen haben und auch nicht den Charme und die Fähigkeiten haben, in der Menge unterzutauchen. Ihre Handlungen sind spontan, und als Waffe benutzen sie, was sie gerade zur Hand haben. Die Leiche ist üblicherweise verstümmelt oder blutgetränkt, und meist sind sie selbst auch blutverschmiert. Der Tatort sieht oft fürchterlich aus. Außerdem sind sie meist räumlich nicht so ungebunden wie die planenden Psychopathen. Ihre Taten begehen sie häufig nahe bei ihrem Wohnort und kehren oft zum Ort des Verbrechens zurück, nicht um zu sehen, ob das Verbrechen schon entdeckt ist, sondern um die Leiche weiter zu misshandeln oder das Ganze noch einmal zu durchleben. Sie nehmen nur selten sexuelle Handlungen an der Leiche vor. Normalerweise masturbieren sie auf den Körper oder ganz in der Nähe, was sehr hilfreich sein kann, da wir jetzt aussagefähige DNS-Testmethoden haben. Aber ihr Kerl ist viel zu gerissen, um ein impulsiver Triebtäter zu sein.«
»Warum haben wir keine Leichen gefunden?« fragte Tuner.
»Offensichtlich versteckt er sie, wie der Green-River-Mörder. Polizeichef O'Malley hat mir gesagt, hier gäbe es weite Waldgebiete und ausgedehnte Felder. Eines Tages wird ein Wanderer über ein Massengrab stolpern, und dann haben Sie ihre Leichen.«
»Wie werden sie aussehen, Dr. Klien?« fragte Nancy.
»Es wird kein schöner Anblick sein. Wir haben es hier mit einem Sadisten zu tun. Wenn er seine Opfer erst einmal hat, dann hat er Zeit... Hören Sie, diese Männer richten ihre Wut auf ihre weiblichen Opfer. Die Quälereien und das Töten steigern ihren Sexualtrieb. In manchen Fällen, in denen der Mörder normalerweise impotent ist, macht die Gewalt den Sex wieder möglich. Seine Phantasien und die Folterungen sind das Vorspiel, Detective. Das Töten ist der eigentliche Geschlechtsakt. Einige dieser Männer haben in dem Moment, wo sie töten, automatisch einen Samenerguss.«
»Mein Gott«, stöhnte Grimsbo. »Und Sie behaupten, diese Kerle sind nicht verrückt!«
»Ich habe gesagt, sie sind nicht verrückt, aber ich habe nicht behauptet, sie seien menschliche Wesen im wahrsten Sinne des Wortes. Ich persönlich halte den Mann, den Sie suchen, nicht mehr für ein menschliches Wesen. Irgendwann während seines Lebens hat er einige Dinge, die uns erst wirklich zu Menschen machen, verloren, entweder weil es genetisch so angelegt ist oder aufgrund von Sozialisation oder... Nun«, Klien hob die Schultern, »es spielt eigentlich keine Rolle, denn es gibt keine Umkehr mehr für ihn, und man muss ihm Einhalt gebieten. Sonst macht er weiter und weiter und weiter, solange er da draußen noch eine Frau findet.«
4
Nancy Gordon, Wayne Turner, Frank Grimsbo und Glen Michaels warteten in O'Malleys Büro, als dieser vom Flughafen zurückkam, wo er Dr. Klien zu seiner Maschine gebracht hatte.
»Ich habe so etwas erwartet«, brummte er, als er sie sah.
»Dann erklären Sie uns bitte, verdammt noch mal, was hier gespielt wird!« forderte Turner.
»Es hat keinen Zweck, es zu beschönigen«, gestand O'Malley ein. »Ich habe mich mit dem Bürgermeister herumgestritten und verloren. Schluss. Aus. Wir haben Lake am Hals.«
»Das ist doch ein schlechter Witz«, sagte Grimsbo.
»Nein, Frank. Das ist kein schlechter Witz. Ich erteile Ihnen Unterricht in den Tatsachen des politischen Lebens.«
»Der Kerl gehört zu den Verdächtigen«, meinte Grimsbo.
»Dann legt die Karten auf den Tisch, Leute. Wenn etwas dran ist, kann ich ihn vielleicht loswerden.«
»Ich glaube, da ist nichts dran, John«, meldete sich Nancy. »Ich habe mich ein paar Mal mit ihm getroffen. Er ist ziemlich fertig wegen dem Tod seiner Frau und seines Kindes.«
»Ja«, entgegnete Turner, »aber er sagt, er hätte niemanden aus dem Haus kommen sehen. Wohin ist der Mörder verschwunden? Es gibt nur einen Weg aus der Sackgasse und dem Wohngebiet heraus.«
»Auch die Nachbarn haben niemanden gesehen«, gab Nancy zu bedenken.
»Keiner hat irgendjemanden kommen oder verschwinden sehen, Wayne«, warf Glen Michaels ein.
»Mich interessiert, was ein Privatmann überhaupt bei einer Polizeiuntersuchung zu suchen hat?« meldete sich Grimsbo.
O'Malley seufzte. »Lake hat politischen Einfluss. Er ist als Strafverteidiger bekannt, seit er mit seinem Plädoyer auf Unzurechnungsfähigkeit bei dem Arschloch Daley Erfolg hatte. Sein Spezialgebiet sind aber Immobilien, und damit hat er einige Millionen gemacht, von denen er ein paar für den Wahlkampf des Bürgermeisters gespendet hat. Außerdem unterstützt er den Gouverneur und ist Mitglied einer Planungskommission in Albany. Kurz und gut, der Gouverneur hat gestern den Bürgermeister angerufen, der dann mich anrief und mir klarmachte, dass Lakes Erfahrungen als Strafverteidiger unverzichtbar bei unseren Ermittlungen wären und wir uns glücklich schätzen könnten, ihn in unserem Team zu haben. Die Zeitungen haben den Bürgermeister sowieso schon am Kragen, weil er die Meldung über das Verschwinden der Frauen zurückgehalten hat, bis ihn die Lake-Morde zwangen, es öffentlich zu machen. Er braucht verzweifelt Ergebnisse, und er kann einen Wunsch des Gouverneurs oder eines seiner wichtigsten Wahlkampfhelfer nicht ablehnen.«
»Ich traue ihm nicht«, beharrte Turner. »Ich hatte vor ein paar Jahren bei einem Fall mit ihm zu tun. Wir hatten einen Durchsuchungsbefehl für seine Wohnung und fanden ein Kilo Kokain. Im Haus hielt sich noch eine schwangere Frau auf. Sie hatte zwar keinerlei Vorstrafen, aber sie hat geschworen, das Kokain gehöre ihr und Lake hätte ihr nur den Gefallen getan, ihr bis zur Geburt Unterschlupf zu gewähren. Da die Frau geständig war, machte sich der Staatsanwalt nicht einmal die Mühe, Anklage gegen die Kleine zu erheben. Ich konnte es nie beweisen, aber es gab Gerüchte, Lake habe die Frau dafür bezahlt, dass sie sich schuldig erklärte.«
»Hat noch jemand etwas in dieser Art gehört«, fragte O'Malley.
Michaels schüttelte den Kopf. »Er hat mich zwei-, dreimal ins Kreuzverhör genommen. Ich habe den Eindruck, dass er ziemlich clever ist. Bei einem Fall, in dem Blutspritzer als Indizienbeweis eine wichtige Rolle spielten, hat er eine sehr gute Figur abgegeben. Er hat mich ganz schön in Verlegenheit gebracht.«
»Ich habe auch gehört, dass er ein cleverer Junge ist«, meinte Grimsbo, »aber ich kenne die Gerüchte über die Kokain-Sache ebenfalls. Ein paar der Anwälte, die ich kenne, gefallen Lakes Einstellungen gar nicht. Er zählt immer noch zu den Verdächtigen, selbst wenn er so eine große Nummer ist. Außerdem gefällt mir nicht, dass ein normaler Bürger an einer so diffizilen Sache mitarbeitet.«
»Sie haben ja recht, Frank«, lenkte O'Malley ein. »Die Sache stinkt, aber das spielt keine Rolle. Bis ich den Bürgermeister vom Gegenteil überzeugen kann, bleibt Lake. Versucht, ihn euch vom Leibe zu halten. Gebt ihm jede Menge Arbeit. Er soll alle Berichte lesen. Wenn ihr auf etwas stoßt, das er nicht erfahren soll, oder wenn es Ärger gibt, dann kommt zu mir. Noch Fragen?«
Turner murmelte etwas über den Bürgermeister, und Grimsbo schüttelte enttäuscht den Kopf. O'Malley ignorierte es.
»In Ordnung, jetzt raus hier, und macht euch an die Arbeit. Ihr habt gehört, was Klien gesagt hat. Wir müssen diesen Verrückten stoppen, und zwar schnell.«
5
Nancy knurrte der Magen. Es musste wohl schon kurz nach sechs sein, aber ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es schon fast sieben war. Sie hatte Berichte geschrieben und darüber die Zeit vergessen. Auf ihrem Weg nach draußen kam sie am Büro der Sonderkommission vorbei und bemerkte, dass noch Licht brannte. Peter Lake saß hemdsärmelig da, die Füße auf eine Ecke des Schreibtisches gelegt; neben seinem Ellenbogen befand sich ein Stapel mit Berichten. Er machte sich beim Lesen Notizen.
»Sie werden diesen Fall nicht in einer Nacht lösen«, bemerkte Nancy leise. Lake blickte sich überrascht um und grinste dann einfältig.
»Ich arbeite immer so hart. Das ist schon fast zwanghaft.«
Nancy ging zu Lakes Schreibtisch hinüber. »Was machen Sie gerade?«
»Ich studiere das Verschwinden von Samantha Reardon und Gloria Escalante. Ich habe da eine Idee. Haben Sie Zeit?«
»Ich wollte gerade etwas essen gehen. Wollen Sie mitkommen? Nichts besonderes, nur in den Coffee Shop drüben auf der Oak.«
»Gern«, stimmte er zu, schwang seine Beine vom Tisch und nahm sein Jackett. »Ich habe gar nicht bemerkt, wie spät es ist.«
»Ich war auch in eine Sache versunken. Wenn mein Magen sich nicht gemeldet hätte, würde ich immer noch an meinem Schreibtisch sitzen.«
»Sie müssen Ihre Arbeit sehr lieben.«
»Manchmal.«
»Wie sind Sie dazu gekommen?«
»Sie meinen: Was macht ein so nettes Mädchen wie ich in einem solchen Beruf?«
»Daran habe ich nicht gedacht.“
»Dass ich ein nettes Mädchen bin?«
Lake lachte. »Nein. Dass Sie nicht für die Polizei geeignet sein könnten.«
Nancy meldete sich beim Wachhabenden ab und folgte Lake nach draußen. Am Abend war Hunters Point eine Geisterstadt mit Ausnahme einiger weniger Orte, an denen sich Menschen aufhielten. Nancy konnte die Leuchtreklame vom Kino und die Neonschilder von einigen Bars sehen. Die meisten der Geschäfte waren geschlossen. Der Coffee Shop war nur eineinhalb Blocks von der Polizeiwache entfernt; eine Oase von Licht in einer Wüste der Dunkelheit.
»Wir sind da«, sagte Nancy, während sie die Tür von Changs Cafe aufhielt. Es gab eine Theke, doch Nancy schob Lake zu einer Nische. Changs Frau brachte ihnen die Speisekarte und zwei Glas Wasser.
»Die Suppe und die Pasteten sind gut, der Rest auf der Karte ist genießbar. Erwarten Sie nichts Chinesisches. Mr. Chang kocht italienisch, griechisch und was immer ihm sonst noch in den Sinn kommt.«
»Sie stammen nicht aus Hunters Point, stimmt's?« fragte Lake, nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten.
»Wie kommen Sie darauf?«
»Sie haben nicht den Akzent von hier. Ich selbst komme auch aus dem Westen. Lassen Sie mich raten. Ich tippe auf Montana.«
»Idaho«, korrigierte Nancy. »Meine Eltern leben noch dort. Sie haben eine Farm. Mein Bruder ist Lehrer an der High-School in Boise. Ich konnte Idaho nicht leiden und wollte die Welt sehen. Glücklicherweise war ich eine gute 800-Meter-Läuferin, und die Universität hier bot mir ein Stipendium an. So kam ich nach Hunters Point.«
»Nicht gerade der Nabel der Welt«, kommentierte Lake.
»Nicht gerade der Nabel der Welt«, wiederholte Nancy mit einem Lächeln. »Aber es war zumindest im Staat New York, und ohne ein Stipendium hätte ich nie aufs College gehen können. Als ich merkte, dass zwischen New York City und Hunters Point Welten lagen, hatte ich mich hier schon so gut eingelebt, dass es mir egal war.“
»Und die Polizeiarbeit?«
»Mein Hauptfach war Strafrecht. Als ich meinen Abschluss machte, brauchte die Polizei von Hunters Point gerade eine Quotenfrau.«
Nancy zuckte mit den Schultern und blickte Lake an, als ob sie eine Entgegnung erwartete.
»Ich wette, Sie haben mit Auszeichnung bestanden«, warf Lake ein.
»Stimmt genau«, antwortete Nancy stolz in dem Moment, als Mrs. Chang mit der Suppe kam.
»Wie hat es Sie hierher verschlagen?« wollte Nancy wissen, während sie wartete, dass ihre Minestrone abkühlte.
»Ich stamme aus Colorado«, erzählte Lake lächelnd. »Besuchte die Colorado State University, ging dann zu den Marines. Dort gab es einen, der hier die juristische Fakultät besucht hatte und mir vorschlug, mich einzuschreiben: Auf der Universität traf ich dann Sandy.«
Lake verstummte, und sein Lächeln verschwand. Er sah auf seinen Teller. In seinem Verhalten lag etwas Unnatürliches, so, als ob ihm plötzlich bewusst geworden wäre, dass ein Lächeln fehl am Platz war, wenn er über seine tote Frau sprach, Nancy sah Lake seltsam berührt an.
»Tut mir leid«, entschuldigte er sich. »Ich denke immer noch an sie.«
»Das ist klar. Erinnerungen sind doch nichts Schlimmes.«
»Ich kann es nicht leiden, wenn ich weinerlich werde. Ich war immer jemand, der sich unter Kontrolle hatte. Der Mörder hat mir gezeigt, dass nichts vorhersehbar oder ewigwährend ist.«
»Wenn es so lange gedauert hat, bis Sie das herausgefunden haben, dann können Sie sich glücklich schätzen.«
»Ja. Eine erfolgreiche Karriere, eine tolle Frau und ein Kind. Da merkt man nicht, wie die Welt wirklich ist, stimmt's? Dann kommt jemand und nimmt dir das in Sekunden weg und... und dann sieht...«
»Nun wissen Sie, wie glücklich Sie waren, als Sie das alles noch besaßen, Peter. Die meisten Menschen haben in ihrem ganzen Leben nie das Glück, was Sie wenigstens für eine Weile erleben durften.“
Lake senkte seinen Blick.
»Auf der Polizeistation sagten Sie, Sie hätten eine Idee«, wechselte Nancy das Thema, um Lake auf andere Gedanken zu bringen.
»Es ist wahrscheinlich nur Detektivspielerei«, antwortete er, »aber etwas fiel mir auf, als ich mir die Berichte durchlas. An dem Tag, als Gloria Escalante verschwand, wurden in dieser Gegend Blumen ausgeliefert. Eine Frau wird einem Mann, der Blumen liefert, immer die Tür aufmachen. Sie wird aufgeregt sein und nicht nachdenken. Er kann die Frau in seinem Lieferwagen wegschaffen. Und dann die Rose. Jemand, der bei einem Blumengeschäft arbeitet, hat Zugang zu Rosen.«
»Nicht schlecht, Peter«, gab Nancy zu und konnte ihre Bewunderung nicht verbergen. »Vielleicht geben Sie wirklich einen guten Detektiv ab. Der Auslieferungsfahrer war Henry Waters. Er hat ein paar kleine Vorstrafen wegen Exhibitionismus und ist einer unserer Verdächtigen. Sie haben sich wahrscheinlich noch nicht bis zu Waynes Bericht durchgearbeitet. Er hat Waters überprüft.«
Lake errötete. »Ich dachte, Sie wären schon viel weiter.«
»Peter, hatte Sandy irgendwas mit Evergreen Florists zu tun?«
»Ist das Waters' Arbeitgeber?«
Nancy nickte.
»Ich glaube nicht. Aber ich kann die Rechnungen und das Scheckbuch überprüfen, ob sie jemals etwas von dort bestellt hat. Ich bin ziemlich sicher, dass ich es jedenfalls nicht getan habe.«
Die Hauptspeise wurde gebracht, und einige Minuten lang aßen sie stumm. Nancys Spaghetti waren hervorragend, doch ihr fiel auf, dass Lake nur in seinem Essen herumstocherte.
»Möchten Sie gern über Sandy sprechen?« fragte Nancy. »Wir sind gerade dabei, die Gewohnheiten der Opfer miteinander zu vergleichen. Ob sie denselben Klubs angehörten, die gleichen Zeitschriften abonniert hatten. Irgendetwas, was uns auf einen gemeinsamen Nenner bringt.«
»Frank hat mich am Abend des Mordes danach gefragt. Ich habe mich dahintergeklemmt. Wir sind Mitglied im Delmar Country Club, dem Hunters Point Athletic Club und dem Racquet Club. Ich habe unsere Kreditkarten aufgelistet, habe herausgesucht, welche Zeitschriften wir abonniert haben, alles, was in Frage kommt. Bis Ende der Woche werde ich alles zusammen haben. Ist Waters der einzige Verdächtige?«
»Es gibt noch andere, aber nichts Konkretes. Ich denke dabei an die bekannten Sittenstrolche, nicht einer davon hat eine Verbindung zu den Verbrechen.«
Nancy schwieg einen Moment. »Ich hatte noch einen anderen Grund, Sie zu fragen, ob Sie mit mir essen wollen. Ich will ganz offen zu Ihnen sein. Sie sollten mit dieser Untersuchung nichts zu tun haben. Sie haben mit dem Bürgermeister gesprochen, deshalb sind Sie hier, aber jeder in der Sonderkommission lehnt die Art ab, wie Sie sich uns aufgedrängt haben.«
»Auch Sie?«
»Nein. Aber nur deshalb, weil ich verstehe, was Sie dazu veranlasst hat. Sie verstehen gar nicht, wie selbstzerstörerisch Ihr Verhalten ist. Sie sind besessen von diesem Fall, weil Sie glauben, wenn Sie sich in die Detektivarbeit stürzen, könnten Sie vor der Realität fliehen. Aber Sie sind ein Teil der realen Welt. Irgendwann müssen Sie damit zurechtkommen, und je eher, desto besser. Sie haben eine gutgehende Kanzlei. Sie können ein neues Leben beginnen. Setzen Sie das nicht alles aufs Spiel, indem Sie weiter an dem Fall arbeiten.«
Während Nancy sprach, beobachtete sie Lake. Er ließ sie keinen Moment aus den Augen, und als sie geendet hatte, beugte er sich nach vorn.
»Vielen Dank für Ihre Aufrichtigkeit. Ich weiß, dass mein Eindringen in die Sonderkommission auf Ablehnung gestoßen ist, doch ich bin froh, dass Sie mir gesagt haben, wie die anderen empfinden. Um meine Kanzlei mache ich mir keine Sorgen. Meine Partner kommen auch ohne mich zurecht, und ich habe so viel Geld verdient, dass ich auch ohne zu arbeiten gut leben kann. Das einzige, was für mich eine Rolle spielt, ist, den Mörder zu erwischen, bevor er noch jemanden umbringt.«
Lake griff über den Tisch und nahm Nancys Hand in die seine.
»Dass Sie mich verstehen, ist mir ebenfalls wichtig. Und dafür bin ich dankbar.“
Während er sprach, strich Lake über Nancys Hand. Es war eine zärtliche Berührung, ganz eindeutig eine Avance. Nancy war sprachlos über diese unpassende Geste, selbst wenn Lake es nicht so empfand.
»Ich verstehe Ihre Lage als Opfer eines schrecklichen Verbrechens«, erklärte Nancy mit fester Stimme, als sie ihre Hand unter der Lakes wegzog. »Gleichzeitig sehe ich aber auch die Gefahr, dass Sie etwas tun, was unsere Arbeit behindern kann. Bitte denken Sie über das nach, was ich Ihnen gesagt habe, Peter.«
»Werde ich«, versicherte ihr Lake.
Nancy öffnete ihr Portemonnaie, doch Lake hielt sie zurück.
»Das Essen bezahle ich«, sagte er lächelnd.
»Ich bezahle immer für mich selbst«, entgegnete ihm Nancy. Sie legte den exakten Betrag für ihr Essen auf die Rechnung und einen Dollar Trinkgeld neben die Kaffeetasse. Dann glitt sie aus der Nische und ging in Richtung Tür. Lake legte sein Geld zu ihrem und folgte ihr nach draußen.
»Können Sie mich nach Hause fahren?« fragte er.
»Mein Wagen steht auf dem Parkplatz der Polizei.«
»Meiner auch. Dann begleite ich Sie zurück.«
Sie liefen stumm nebeneinander her, bis sie die Polizeistation erreichten. Der Parkplatz war nur spärlich erleuchtet. Ein großer Bereich lag vollständig im Dunkeln. Nancys Wagen stand an der Rückfront, wo die Fenster alle dunkel waren.
»Es könnte an einem Ort wie diesem passiert sein«, äußerte sich Lake, während sie zum Wagen gingen.
»Was?«
»Die Frauen«, fuhr Lake fort. »Sie gingen allein in der Nacht über einen dunklen Parkplatz. Es wäre einfach, sich ihnen zu nähern. Hat Bundy es nicht so gemacht? Er hat einen Gipsverband getragen, um Mitleid zu erwecken. Die Frauen wären innerhalb von Sekunden im Kofferraum eines Autos verschwunden, und alles wäre vorbei.«
Nancy fühlte, wie sie eine Gänsehaut bekam. Außer ihnen befand sich niemand auf dem Parkplatz. Sie kamen jetzt in den unbeleuchteten Bereich. Nancy drehte den Kopf, so dass sie Lake sehen konnte. Er beobachtete sie nachdenklich. Sie blieb bei ihrem Wagen stehen.
»Deshalb wollte ich Sie begleiten«, fuhr Lake fort. »Keine Frau ist sicher, bis er nicht gefasst ist.«
»Denken Sie darüber nach, was ich Ihnen gesagt habe, Peter.«
»Gute Nacht, Nancy. Ich denke, wir werden gut zusammenarbeiten. Nochmals vielen Dank für Ihr Verständnis.«
Nancy setzte mit ihrem Ford rückwärts aus der Parklücke und fuhr davon. Im Rückspiegel konnte sie sehen, wie Lake ihr nachsah.
6
Nancy stand im Dunkeln und absolvierte ihr Krafttraining nach dem Plan, den Ed und sie aufgestellt hatten. Sie machte ihre Übungen mit dem Maximum an Gewicht, was sie noch handhaben konnte. Sie bog ihren Unterarm in Richtung der Schulter und brachte dabei erst die rechte, dann die linke Hantel nach oben. Ihr ärmelloses T-Shirt war schweißdurchtränkt. Die Sehnen zeichneten sich in ihrem Nacken ab.
Etwas passte nicht zusammen. Lake hatte versucht, sich an sie ranzumachen. Als Ed gestorben war, hatte sie für Monate jedes Interesse an Sex verloren. Es hatte ihr Schmerzen bereitet, auch nur ein Pärchen Hand in Hand gehen zu sehen. Doch Lake hatte ihre Hand gehalten und gestreichelt, so wie man es bei einer Geliebten tun würde. Die Bemerkung, sie würden gut zusammenarbeiten, war ein eindeutiger Annäherungsversuch gewesen.
Nancy beendete das Training, legte die Gewichte auf den Boden und atmete ein paar Mal tief durch. Es war fast sechs Uhr, und sie war schon seit halb fünf auf den Beinen. Ein Alptraum hatte sie geweckt, und danach konnte sie nicht wieder einschlafen.
Frank hatte Lake zu den Verdächtigen gezählt, und sie hatte ihm widersprochen. Doch langsam wurde sie unsicher und erinnerte sich daran, was Dr. Klien gesagt hatte. Lake war intelligent und umgänglich; es wäre einfach für ihn gewesen, das Vertrauen der Opfer zu erlangen. Die Ermordeten waren die Art von Frauen, die er jeden Tag in seinen Klubs traf, und er war der Typ Mann, an den diese Frauen gewöhnt waren.
Der planende Psychopath ist ein Mensch, der kein Mitleid mit anderen kennt oder sich Sorgen um sie macht. Ein Mensch, der Gefühle vorspiegelt. Hatte sie Lake im Coffee Shop einen Moment ohne Maske gesehen, zwischen der Erinnerung an sein erstes Treffen mit Sandra und dem Bemühen, die richtige Reaktion darauf zu zeigen? Da hatte es einen kurzen Augenblick gegeben, in dem Lake jede Gefühlsregung vermissen ließ.
Klien hatte auch gesagt, dass diese Verbrecher an der Polizeiarbeit interessiert waren. Lake als erfahrener Strafverteidiger wusste alles über die Vorgehensweise der Polizei. Nancy legte sich auf den Boden und machte fünfzig Liegestütze. Was sonst eine einfache Sache war, erschien jetzt kompliziert. Sie konnte sich nicht konzentrieren. In ihrem Kopf spukte das Bild von Lake herum, wie er allein im Dunkel des Parkplatzes wartete. Woher wusste er von Bundys falschem Gipsverband? Dr. Klien hatte es nicht erwähnt.
Nach dem Krafttraining waren Ed und sie immer eine Sechs-Meilen-Runde durch die Nachbarschaft gelaufen. Ed war kräftiger als Nancy, doch sie war die bessere Läuferin. An Sonntagen machten sie immer einen Wettlauf, und der Verlierer musste dann das Frühstück zubereiten. Der Sieger konnte bestimmen, wann und wie sie sich lieben würden. Nachdem Ed erschossen worden war, brachte Nancy es zwei Monate lang nicht fertig, die Geräte anzufassen oder eine Runde zu laufen.
Einhundert Liegestütze. Hoch, runter, hoch, runter. Ihre Bauchmuskeln waren hart und gespannt. Ihre Gedanken waren auf dem dunklen Parkplatz bei Peter Lake. Sollte sie Frank und Wayne davon berichten? Redete sie sich das alles nicht nur ein? Würde ihr Verdacht die Untersuchung nicht in eine falsche Richtung lenken und den wirklichen Mörder entkommen lassen?
Es war Viertel nach sechs geworden. Die Geräte befanden sich in einem kleinen Raum neben dem Schlafzimmer. Die Sonne ging gerade über den reichen Vororten im Osten auf. Nancy zog ihre Hosen und das Shirt aus und warf beides in den Wäschekorb. Nach Eds Tod hatte sie zugenommen. Außer einem Monat in ihrem zweiten Universitätsjahr, als sie wegen einer Sehnenzerrung pausieren musste, war dies das erste Mal seit der Mittelschule gewesen, dass sie nicht regelmäßig Sport getrieben hatte. Jetzt waren die Pfunde wieder runter, und sie sah auf ihre harte Bauchmuskulatur und die Muskelstränge an ihren Beinen. Unter der heißen Dusche entspannte sie sich und wusch sich die Haare. Und die ganze Zeit dachte sie nach über Peter Lake.
Warum hatte man vorher nie eine Leiche gefunden? Warum war beim Fall Lake alles so anders? Sandra Lake war ganz offensichtlich schnell getötet worden. Warum? Und warum sollte Peter sie umgebracht haben? Hatte Sandra etwas herausgefunden, was ihn mit den anderen Morden in Verbindung brachte, und ihm den Beweis unter die Nase gehalten? Und das war noch nicht einmal die schwierigste Frage; war Peter Lake eine solche Bestie, dass er seine eigene Tochter umbrachte, um seine Tat zu vertuschen?
Während Nancy sich anzog, nahm sie sich vor, einen konkreten Beweis zu finden, den sie den anderen Beamten präsentieren konnte. Einen Beweis, der Peter Lake in Verbindung mit den Verbrechen brachte. Sie musste ganz rational darangehen, und vor allem musste sie ihre Gedanken im Moment noch für sich behalten.
7
Frank Grimsbo wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn. Der Ärmel seines Jacketts war danach nass von Schweiß. Er trug dazu ein kurzärmeliges weißes Hemd und braune Kunstfaserhosen. Seine bunte Krawatte hing lose herab, der oberste Hemdenknopf stand offen. Die Hitze brachte ihn noch um. Im Moment konnte er nur an ein kaltes Bier denken.
Herbert Solomon öffnete die Tür nach dem dritten Klingeln. Müde hielt Grimsbo ihm seine Polizeimarke entgegen.
»Es handelt sich um die Sache bei den Lakes, ja?« fragte Solomon, ein untersetzter Mann mittlerer Größe mit einem gepflegten Bart. Er trug weite, grün-rot karierte Bermudashorts und ein gelbes T-Shirt.
»Das stimmt, Mr. Solomon. Mein Partner und ich durchkämmen die Nachbarschaft.«
»Ich habe schon am Abend, als es passierte, mit einem Beamten gesprochen.«
»Weiß ich, Sir. Ich bin von der Sonderkommission, die die Morde untersucht, und ich würde ein paar Dinge gern etwas genauer wissen.«
»Hat es noch weitere Morde gegeben? Ich dachte, die Frauen wären nur verschwunden.«
»Das stimmt, aber wir rechnen mit dem Schlimmsten.«
»Kommen Sie rein, es ist so heiß draußen. Möchten Sie ein Bier, oder dürfen Sie im Dienst nicht?«
Grimsbo grinste. »Ein Bier wäre schön.«
»Warten Sie dort drüben, ich hole Ihnen eins«, sagte Solomon und deutete auf einen kleinen Raum. Grimsbo zupfte sein Hemd vom Körper, während er in das bezeichnete Zimmer ging. Zum Glück klapperten sie die Leute in The Meadows ab, wo jeder eine Klimaanlage hatte.
»Ich hoffe, es ist kalt genug«, sagte Solomon und reichte ihm ein gut gekühltes Budweiser. Grimsbo legte die kalte Flasche an seine Stirn und schloss die Augen. Dann nahm er einen Schluck.
»Mann, das ist genau das Richtige. Es wäre schön, wenn man da draußen auch eine Klimaanlage installieren könnte.«
Solomon lachte.
»Sie sind Buchhalter?«
»Wirtschaftsprüfer.«
»Ich hab's mir gedacht«, erklärte Grimsbo und deutete mit seiner Flasche auf zwei große Bücherregale mit Büchern über Steuer- und Wirtschaftsthemen. Vor dem einzigen Fenster des Raumes stand ein Schreibtisch, auf dem sich ein PC und ein Drucker sowie ein Telefon befanden. Durch das Fenster konnte man über eine weite Rasenfläche hinweg auf die Sparrow Lane sehen.
»Nun«, fuhr Grimsbo fort, nachdem er einen weiteren Schluck aus der Flasche genommen hatte, »stelle ich Ihnen ein paar Fragen, und dann sind Sie mich wieder los. Waren Sie an dem Abend, als Mrs. Lake und ihre Tochter ermordet wurden, zu Hause?«
Solomons Lächeln verschwand. Er nickte. »Armes Schwein.«
»Sie kennen Peter Lake?«
»Sicher. Wir sind Nachbarn und mehr. In The Meadows haben wir ein Komitee der Hauseigentümer, dem Peter und ich angehören. Wir haben bei Tennisturnieren zusammen Doppel gespielt. Marge, das ist meine Frau, und Sandy waren gute Freundinnen.«
»Ist Ihre Frau hier?«
»Sie ist im Club, Golf spielen. Ich habe bei der Hitze keine Lust dazu.«
Grimsbo stellte das Bier ab und holte einen Stift und einen Notizblock aus seiner Jackentasche.
»Wann kamen Sie an dem Abend, als es passierte, nach Hause?«
»Es muss so um sechs Uhr gewesen sein.«
»Ist Ihnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«
»Nichts. Ich war im Esszimmer, bis wir mit dem Essen fertig waren. Das Esszimmer liegt nach hinten raus. Dann war ich ein paar Minuten im Wohnzimmer, das auch nach hinten liegt. Danach habe ich bei geschlossenen Jalousien am Computer gearbeitet.«
»Gut«, meinte Grimsbo. Er war schon bereit, die Befragung abzubrechen und wieder nach draußen in die Hitze zurückzukehren, als Solomon sagte: »Eine Sache habe ich vergessen zu sagen, als der Beamte am Abend des Mordes kam. Es herrschte eine solche Aufregung, und meine Frau war völlig durchgedreht. Ich habe Peter Lake nach Hause kommen sehen.«
»Ach ja. Wann war das?«
»Das kann ich ziemlich genau sagen. Die Yankees spielten an diesem Tag, und ich habe mich über das Ergebnis in den Sportschlagzeilen bei CNN informiert. CNN bringt Sportergebnisse immer zwanzig nach. Ich ging direkt nach den Schlagzeilen in das Zimmer hier. Es muss so zweiundzwanzig nach sieben gewesen sein. Ich habe Peters Ferrari gesehen, als ich die Jalousie herunterließ.«
»Und er kam nach Hause?“
»Genau.«
»Sind Sie sich bei der Zeit ganz sicher?«
»Sie bringen die Ergebnisse immer zwanzig nach, jede Stunde. Also muss es um diese Zeit herum gewesen sein. Plus minus eine Minute.«
»Haben Sie an diesem Abend den Lieferwagen eines Blumengeschäfts in The Meadows oder in der Nähe bemerkt?«
Solomon dachte einen Augenblick nach. »Bei den Osgoods war ein Fernsehreparaturservice. Das war das einzige ungewöhnliche Fahrzeug, das ich gesehen habe.«
Grimsbo erhob sich aus dem Sessel und streckte seine Hand aus.
»Danke für das Bier.«
Wayne Turner lehnte am Wagen. Er machte in seinem beigen Anzug mit der dunkelbraunen Krawatte einen so gelangweilten Eindruck, dass Grimsbo die Galle hochkam.
»Was gefunden?« fragte Turner, als er einen Schritt vom Wagen wegtrat.
»Nichts. Halt, Solomon, der letzte Kerl, mit dem ich gesprochen habe, sah, wie Lake an seinem Haus vorbei nach Hause fuhr, so gegen zwanzig nach sieben. Sonst habe ich nichts, was nicht schon in den Berichten der Streifenbeamten steht.«
»Ich habe auch nichts, doch das wundert mich nicht. In einer Wohngegend wie hier haben die Leute Platz genug, sie hängen nicht aufeinander. Kaum jemand sieht, was sein Nachbar treibt, und bei einer solchen Hitze hält sich jeder im klimatisierten Haus auf oder ist draußen im Country Club.«
»Also, was machen wir jetzt?«
»Wieder von vorne anfangen.«
»Hast du einen Hinweis auf den Blumenwagen?« wollte Grimsbo wissen, als er den Wagen anließ.
»Bei den Osgoods war ein Fernsehreparaturservice, aber kein Blumenwagen.«
»Ja, den Fernsehtypen habe ich auch. Was denkst du über Waters?«
»Ich denke gar nichts, Frank. Hast du ihn schon mal gesehen?“
Grimsbo schüttelte den Kopf.
»Unser Mörder muss sehr intelligent sein, stimmt's? Waters ist das nicht. Ein dürres, pickelgesichtiges Bürschchen mit ein bisschen Flaum im Gesicht. Wenn der nicht geistig zurückgeblieben ist, dann weiß ich's nicht. Es fehlt jedenfalls nicht viel dran. Nach zehn Jahren von der Schule geflogen, als er achtzehn war. Hat als Tankwart und als Packer bei einem Supermarkt gearbeitet. Den Job hat er verloren, als er verhaftet wurde, weil er sich vor dem Fenster einer Sechzehnjährigen aus der Nachbarschaft ausgezogen hat. Der Vater des Mädchens hat ihn fürchterlich verprügelt.«
»Das klingt ja ziemlich rührselig«, warf Grimsbo ein.
»Der Kerl führt gar kein richtiges Leben oder was man so unter Leben versteht. Er wohnt mit seiner Mutter zusammen. Sie ist Ende sechzig und bei schlechter Gesundheit. Ich habe ihn ein paar Tage beobachtet. Er ist wie ein Roboter, jeden Tag der gleiche Ablauf. Wenn er von der Arbeit kommt, geht er in das One Way Inn, eine Bar auf dem halben Weg zu seiner Wohnung. Dort trinkt er zwei Bier und spricht mit niemandem außer dem Barkeeper. Fünfundvierzig Minuten, nachdem er die Bar betreten hat, geht er wieder, läuft direkt nach Hause und verbringt den Abend zusammen mit seiner Mutter vor dem Fernsehapparat. Ich habe mit seinem Chef und seinen Nachbarn gesprochen. Wenn er Freunde haben sollte, dann kennt sie keiner. Seine Arbeit als Auslieferungsfahrer bei Evergreen Florist hat er jetzt schon länger als jeden anderen Job.«
»Du streichst ihn von der Liste?«
»Er ist ein komischer Kauz. Sicherlich nicht ganz richtig im Kopf, aber das macht ihn noch nicht zu einem Mörder. Er ist einfach nicht clever genug, um unser Mann zu sein. Wir haben nichts gegen ihn in der Hand.«
»Wir haben überhaupt nichts in der Hand.«
Glen Michaels betrat das Büro der Sonderkommission genau in dem Moment, als Grimsbo und Turner ihre Berichte über die Befragungen in The Meadows beendet hatten.
»Was hast du herausgefunden?« wollte Grimsbo wissen. Er hatte sein Jackett ausgezogen und sich vor einen kleinen Ventilator gesetzt.
»Absolut nichts«, meinte Michaels. »Es ist, als ob der Kerl überhaupt nicht dagewesen wäre. Ich bin gerade mit den Untersuchungen fertig geworden. Jeder Fingerabdruck passt zu den Opfern, Peter Lake oder einem der Nachbarn.
Es gibt nichts, mit dem man einen DNS-Test durchführen könnte. Keine fremden Haare, keine Fasern, kein Sperma. Wir haben es hier mit einem ausgekochten Hund zu tun, Leute.«
»Glaubst du, dass er unsere Vorgehensweise kennt?« fragte Turner.
»Das muss ich wohl glauben. Ich habe noch nie so viele Tatorte ohne Spuren gesehen.«
»Egal«, meinte Michaels und ging zur Tür, »ich bin schon weg. Die Hitze bringt mich um.«
Turner wandte sich an Grimsbo. »Dieser Kerl beginnt mich anzukotzen. Niemand ist perfekt. Er hinterlässt keine Fingerabdrucke, keine Haare, keiner sieht ihn. Mein Gott, wir haben eine Wohnsiedlung voller Menschen, und niemand bemerkt etwas Auffälliges. Kein Fremder, der herumschleicht, kein einziges unbekanntes Fahrzeug. Wie kam er dort hinein und wieder hinaus?«
Grimsbo gab keine Antwort. Er runzelte die Stirn, dann wuchtete er sich von seinem Stuhl und ging durch den Raum zu dem Schrank, in dem sie die Originalunterlagen des Falles aufbewahrten.
»Was ist los?« wollte Turner wissen.
»Nur eine Kleinigkeit... Ja, hier ist es.«
Grimsbo zog ein Blatt aus den Unterlagen und hielt es Turner hin. Es war der einseitige Bericht des Beamten, der den Notruf von Peter Lake entgegengenommen hatte.
»Fällt dir was auf?« fragte Grimsbo.
Turner las den Bericht einige Male und schüttelte dann den Kopf.
»Die Zeit«, stieß Grimsbo hervor. »Lake rief den Notruf um Viertel nach acht an.«
»Ja, und weiter?“
»Solomon hat ausgesagt, dass er Lake um zwanzig nach sieben hat nach Hause kommen sehen. Er war sich sicher, da er gerade die Sportergebnisse gehört hatte. Die kommen bei CNN um zwanzig nach.«
»Und die Leichen lagen in der Eingangshalle«, sagte Turner mit plötzlichem Verstehen.
»Wie lange braucht man, um den Wagen zu parken und die Tür zu öffnen? Halten wir Lake ein paar Minuten zugute und legen wir auch bei Solomon noch etwas dazu, dann müsste Lake immer noch spätestens um halb acht im Haus gewesen sein.«
»Scheiße«, murmelte Turner.
»Habe ich recht, Wayne?« wollte Grimsbo bestätigt haben.
»Ich weiß nicht, Frank. Wenn das deine Frau und dein Kind gewesen wären... Ich meine der Schock.«
»Klar, der Mann ist wie vor den Kopf gestoßen. Er setzt sich für eine Weile auf die Stufen, versucht, sich zu sammeln. Aber fünfundvierzig Minuten lang? Meine Herrn. Etwas passt da nicht zusammen. Ich glaube, er hat die Zeit damit verbracht, den Tatort aufzuräumen.«
»Was soll er denn für ein Motiv haben? Mein Gott, Frank, du hast ihr Gesicht gesehen. Warum sollte er das der eigenen Frau antun?«
»Du weißt, warum. Sie hat etwas gewusst, sie hat etwas gefunden und den Fehler gemacht, Lake davon zu erzählen. Denk darüber nach, Wayne. Wenn Lake sie umgebracht hat, würde das erklären, warum es am Tatort keine Spuren gab. Dann gäbe es keine verdächtigen Autos oder Fingerabdrücke, die nicht von den Lakes oder den Nachbarn stammen.«
»Ich weiß nicht...«
»Doch, du weißt es. Er hat das kleine Mädchen getötet. Seine eigene kleine Tochter.«
»Mensch, Frank, Lake ist ein erfolgreicher Anwalt. Er hatte eine schöne Frau.«
»Du hast gehört, was Klien gesagt hat. Der Kerl, nach dem wir suchen, ist ein Monster, aber niemand sieht ihm das an. Er ist umgänglich, gutaussehend, die Art von Mann, die diese Frauen, ohne nachzudenken, in ihr Haus lassen würden. Warum sollte es nicht ein erfolgreicher Anwalt mit einer schönen Frau sein? Es kann jeder sein, der nicht ganz richtig im Kopf ist und in seiner eigenen psychopathischen Welt lebt, in der das alles einen Sinn hat.«
Turner lief unruhig im Raum umher, während Grimsbo ruhig abwartete. Schließlich setzte sich Turner und nahm ein Bild von Melody Lake in die Hand.
»Wir sollten keinen Blödsinn machen, Frank. Wenn Lake unser Mörder ist, dann ist er ein gerissenes Arschloch. Ein Hinweis, dass wir ihm auf der Spur sind, und er wird einen Weg finden, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.«
»Also, was tun wir als nächstes? Wir können ihn nicht verhaften und durch die Mangel drehen, und es gibt nichts, womit wir Lake mit den anderen Verbrechen in Verbindung bringen könnten.«
»Diese Frauen sind nicht zufällig zu Opfern geworden. Wenn er der Mörder ist, dann muss es zwischen ihnen irgendeine Verbindung geben. Wir müssen die Ehemänner noch einmal befragen, nochmals die Berichte studieren und dabei immer Lake im Hinterkopf haben. Wenn wir auf der richtigen Spur sind, dann muss es etwas geben.«
Die beiden Männer saßen eine Zeitlang stumm da und starrten ins Leere.
»Was wir jetzt besprochen haben, erscheint in keinem Bericht!« bestimmte Turner. »Lake könnte darüber stolpern.«
»Genau«, stimmte Grimsbo zu. »Ich nehme Solomons Aussage besser mit zu mir.«
»Wann informieren wir Nancy und den Chef?«
»Wenn wir etwas Konkretes haben. Lake ist sehr clever und hat gute Beziehungen zu den Politikern. Wenn er der Mann ist, dann möchte ich nicht, dass er davonkommt, dann will ich ihn festnageln.«
8
Nancy Gordon schlief tief und traumlos, als das Telefon klingelte. Sie fuhr im Bett hoch und wusste im ersten Moment nicht, was los war. Es dauerte einen Moment, bevor sie sich zurecht- gefunden hatte. Das Telefon klingelte ein weiteres Mal, ehe Nancy den Hörer abnehmen konnte.
»Detective Gordon?« fragte der Mann am Telefon.
»Am Apparat«, meldete sich Nancy und versuchte sich zu orientieren.
»Mein Name ist Jeff Spears. Ich bin Streifenpolizist. Vor einer Viertelstunde erhielten wir den Hinweis auf einen Mann, der in einem Wagen an der Ecke Bethesda und Champagne sitzt. Sieht so aus, als ob der schon seit drei Nächten dort herumlungert. Einem der Anwohner kam das seltsam vor. Wie dem auch sei, DeMuniz und ich haben mit dem Mann gesprochen. Er hat sich als Peter Lake ausgewiesen. Er behauptet, er wäre Mitglied der Sonderkommission, die hinter dem Mörder dieser Frauen her ist, und nannte mir Ihren Namen.«
»Wie spät ist es?« fragte Nancy. Sie war zu müde, das Licht anzuknipsen.
»Halb zwei«, entschuldigte sich Spears. »Tut mir leid, Sie geweckt zu haben.«
»Schon gut«, antwortete sie und überprüfte die Zeitangabe anhand der Digitaluhr. »Ist Lake da?«
»Direkt neben mir.«
Nancy holte tief Luft. »Geben Sie ihn mir!«
Nancy hörte, wie Spears mit jemandem sprach. Sie schwang ihre Beine aus dem Bett, setzte sich auf und rieb sich die Augen.
»Nancy?« meldete sich Lake.
»Was ist los?«
»Wollen Sie, dass ich das erkläre, während der Polizist hier neben mir steht?«
»Ich will wieder in mein Bett. Also, was hat das zu bedeuten, dass Sie drei Nächte hintereinander dort in einem Auto herumsitzen?«
»Das hängt mit Waters zusammen. Ich beobachte sein Haus.«
»O Scheiße! Das darf doch nicht wahr sein. Sie spionieren hinter ihm her? Wie in einem verdammten Film? Peter, ich erwarte Sie in zwanzig Minuten bei Chang.«
»Aber...“
»In zwanzig Minuten. Mir fehlen die Worte. Und geben Sie mir Spears noch mal.«
Nancy hörte, wie Lake nach dem Beamten rief. Sie schloss die Augen und schaltete die Nachttischlampe an, dann öffnete sie langsam wieder die Lider. Das Licht brannte ihr so in den Augen, dass sie zu tränen begannen.
»Detective Gordon?«
»Ja. Hören Sie, Spears, der Mann ist in Ordnung. Er arbeitet für die Sonderkommission. Nichtsdestotrotz haben sie gute Arbeit geleistet«, setzte sie hinzu, da die Stimme des Beamten jung und engagiert geklungen hatte und ihm das Lob sicher etwas bedeuten würde.
»Er erschien mir verdächtig. Und mit den Morden...«
»Nein, Sie haben genau das Richtige gemacht. Aber ich möchte nicht, dass Sie den Vorfall jemandem gegenüber erwähnen. Wir möchten nicht, dass bekannt wird, was wir genau unternehmen.«
»Kein Problem.«
»Danke für den Anruf.«
Nancy legte auf. Sie fühlte sich entsetzlich, doch sie musste herausfinden, was Lake dort wollte.
Lake wartete in einer der Nischen, als Nancy in Changs Coffee Shop ankam. Das kleine Restaurant hatte die ganze Nacht geöffnet, für Polizisten, Lastwagenfahrer und ab und zu ein paar Studenten. Es war ein sicherer Platz, um sich zu treffen. Lake hatte eine Tasse Kaffee vor sich stehen, und Nancy bestellte sich ebenfalls Kaffee.
»Warum sagen Sie mir nicht einfach, was Sie vorgehabt haben, Peter«, begann Nancy das Gespräch, als die Bedienung gegangen war.
»Tut mir leid, dass ich daneben gehauen habe, aber ich bin sicher, dass Waters der Mörder ist. Ich bin jetzt schon drei Tage hinter ihm her. Glauben Sie mir, ich bin wirklich gut; er hat keine Ahnung, dass er beobachtet wird.«
»So läuft das nicht, Peter. Sie können nicht mit ein paar halb-ausgegorenen Vorstellungen herumlaufen, die Sie sich bei Magnum abgeguckt haben. Die Sonderkommission arbeitet als Team. Sie müssen Ihre Pläne mit den anderen Teammitgliedern abstimmen, bevor Sie etwas unternehmen.
Was noch schlimmer ist, Sie kennen noch nicht einmal die grundlegenden Richtlinien für eine Observation. Überlegen Sie einmal, wie einfach Sie von den Nachbarn entdeckt wurden. Wenn Waters Sie gesehen und Verdacht geschöpft hätte, dann wäre er untergetaucht, und wir hätten seine Spur endgültig verloren. Und wenn er wirklich der Mörder ist, dann haben Sie sich in Gefahr begeben. Wer immer Ihre Frau und Ihre Tochter umgebracht hat, hat kein Gewissen und auch keine Skrupel, wieder zu morden. Denken Sie daran!«
»Vermutlich habe ich eine Dummheit begangen.«
»Da gibt es nichts zu vermuten.«
»Sie haben recht. Entschuldigung. Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, dass ich die Sache vermasseln könnte, oder an die Gefahr. Alles, woran ich denken konnte, war...«
Lake verstummte und starrte auf die Tischplatte.
»Ich weiß, dass Sie ihn zur Strecke bringen wollen. Das wollen wir alle, aber wenn Sie es nicht richtig machen, dann ruinieren Sie die ganze Sache.«
Lake nickte nachdenklich. »Sie haben viel getan, um mir zu helfen, Nancy. Ich bin Ihnen dankbar dafür. Langsam komm' ich damit zurecht, dass ich Sandy und Melody verloren habe, und vor allem Sie haben mir dabei geholfen.«
Lake lächelte sie an. Nancy gab das Lächeln nicht zurück, sondern beobachtete Lake genau.
»Ich habe beschlossen, wieder an meine Arbeit zu gehen. Der kleine Zwischenfall heute Nacht hat mir gezeigt, dass ich keine Hilfe bei den Ermittlungen bin. Ich dachte wirklich, dass ich helfen könnte, doch das war selbstsüchtig und aus der Verzweiflung geboren. Ich bin kein Polizist, und ich war so verrückt zu glauben, dass ich mehr als Sie ausrichten könnte.«
»Prima. Ich freue mich, das zu hören. Es ist ein Zeichen, dass Sie wieder in Ordnung kommen.«
»Das heißt nicht, dass ich die Arbeit an dem Fall ganz aufgebe. Ich hätte gerne Kopien von allen Berichten. Es kann immer noch sein, dass mir etwas auffällt, was Ihnen entgangen ist, oder dass ich eine andere Einschätzung anbieten kann. Doch ich werde nicht mehr in der Polizeistation auftauchen.«
»Ich werde Ihnen die Berichte schicken, wenn O'Malley sein Okay gibt. Aber Sie müssen sie streng vertraulich behandeln. Niemand sonst darf einen Blick darauf werfen.«
»Natürlich. Sie haben mich gut erzogen«, gab Lake mit einem Lächeln zurück. »Können wir irgendwann einmal zusammen essen gehen? Nur wir beide? Ohne dass dies etwas mit dem Fall zu tun hat.«
»Mal sehen«, antwortete Nancy verunsichert.
Lake sah auf seine Uhr. »Besser, wir gehen jetzt. Morgen früh werden wir beide todmüde sein. Diesmal bezahle ich. Keine Widerrede.«
Nancy glitt aus der Nische und verabschiedete sich. Es war spät, und sie hatte wenig geschlafen, war aber trotzdem hellwach. Es stand jetzt außer Frage: Lakes Frau war weniger als drei Wochen tot, und er unternahm bei ihr Annäherungsversuche. Das war aber nicht das einzige, was ihr Sorgen machte. Nancy wollte den wahren Grund dafür wissen, dass Peter Lake hinter Henry Waters her war.
9
»Dr. Escalante«, stellte sich Wayne Turner einem schwer gebauten Mann mit traurigen Augen, der den Anschein erweckte, alle Hoffnungen aufgegeben zu haben, vor, »ich bin einer der Beamten, die mit dem Verschwinden Ihrer Frau befasst sind.«
»Ist Gloria tot?« wollte Escalante wissen und befürchtete das Schlimmste.
Sie saßen im Büro des Arztes im Wayside Ärztezentrum, einem modernen zweistöckigen Gebäude am Ende der Wayside Mall. Escalante war einer von mehreren Ärzten, Physiotherapeuten und Ernährungsspezialisten, die in diesem Zentrum beschäftigt waren. Sein Spezialgebiet war die Kardiologie. Er besaß einige Privilegien am Krankenhaus in Hunters Point. Jedermann lobte Dr. Escalantes Fähigkeiten. Gleichzeitig stand er im Ruf, ein netter Kerl und sehr umgänglich zu sein. Oder zumindest war das bis vor eineinhalb Monaten der Fall gewesen, bis er in sein Haus im Tudorstil im Westen von Hunters Point gekommen war und einen Zettel und eine schwarze Rose vorgefunden hatte.
»Es tut mir leid, aber wir haben keine neuen Informationen über Ihre Frau. Wir gehen davon aus, dass sie lebt, solange wir nichts Gegenteiliges erfahren.«
»Warum sind Sie dann hier?«
»Ich habe noch einige Fragen, die uns vielleicht weiterhelfen können.«
Turner nannte ihm die Namen der anderen vermissten Frauen und ihrer Männer einschließlich der Lakes. Während er die Namen herunterbetete, legte er Fotos der Frauen und ihrer Männer vor Escalante auf den Schreibtisch.
»Kennen Sie oder Ihre Frau jemanden von diesen Personen, woher auch immer, Doktor?« fragte Turner.
Escalante studierte die Fotografien eingehend, dann nahm er eine in die Hand.
»Das sind Simon und Samantha Reardon, nicht wahr?«
Turner nickte.
»Er ist Neurochirurg. Ich habe die Reardons bei einigen Veranstaltungen der Ärztekammer gesehen. Vor ein paar Jahren hielt er auf einer Tagung, an der ich teilnahm, einen Vortrag. Ich kann mich nicht mehr erinnern, um was es ging.«
»Das ist interessant. Waren Sie befreundet mit den Reardons?«
Escalante lachte trocken. »Leute mit meiner Hautfarbe bewegen sich nicht in den gleichen Kreisen wie die Reardons, Detective. Ich nehme nicht an, dass es Ihnen erlaubt ist, diesen ehrenwerten Arzt im Delmar Country Club zu befragen.«
Wayne nickte.
»Tja. Nun, Simon Reardon gehört also zu dieser Art von Menschen...«
Escalante erinnerte sich plötzlich, warum Turner an Samantha Reardon und seiner Frau interessiert war.
»Es tut mir leid. Ich sollte nicht so hart sein. Simon Reardon geht wahrscheinlich durch dieselbe Hölle wie ich.«
»Wahrscheinlich. Sagen Ihnen die anderen etwas?“
Escalante wollte schon seinen Kopf schütteln, stutzte dann jedoch plötzlich.
»Der da ist Anwalt, nicht?« fragte er und deutete auf das Foto von Peter Lake.
»Das stimmt«, gab Turner zu und versuchte, seine Aufregung zu verbergen.
»Bis jetzt ist mir das nicht aufgefallen. Was für ein Zufall.«
»Wie bitte?«
»Gloria wurde vor sechs Monaten als Geschworene ausgewählt. Sie saß bei einem von Lakes Fällen auf der Geschworenenbank. Ich erinnere mich, weil sie froh war, dass es nicht um einen ärztlichen Kunstfehler ging, denn dann wäre sie nicht genommen worden. Es spielt keine Rolle. Die Anwälte haben sich vorher geeinigt, so dass sie kein Urteil fällen musste.«
»Sind Sie sicher, dass es ein Fall von Peter Lake war?«
»Ich habe sie vom Gericht abgeholt, wir wollten essen gehen, und da habe ich ihn gesehen.«
»Gut. Das ist uns eine große Hilfe. Noch jemand, den Sie wiedererkennen?« wollte Turner wissen, obwohl das jetzt keine Rolle mehr für ihn spielte.
»Es ist Lake, Chef«, erklärte Frank Grimsbo O'Malley. »Wir sind sicher.« »Haben Sie tragfähige Beweise?« wollte O'Malley wissen. »Noch nicht. Aber es gibt zu viele Anhaltspunkte. Es kann nicht anders sein«, warf Wayne Turner ein.
»Wie denken Sie darüber?« fragte O'Malley Glen Michaels und Nancy Gordon.
»Es ergibt Sinn«, pflichtete Michaels bei. »Ich nehme mir morgen noch einmal alle Unterlagen vor. Mal sehen, ob wir Lake mit irgendwas festnageln können.« O'Malley wandte sich zu der grimmig dreinschauenden Nan. »Ich bin aus anderen Gründen zu derselben Überzeugung gekommen, Chef. Ich weiß nicht, wie wir ihn festnageln können, aber ich bin überzeugt, dass er unser Mann ist. Ich habe heute Morgen mit Dr. Klien telefoniert und ihm Lakes Charakterprofil geschildert, und er sagt, es wäre möglich. Eine Menge von sozial abartigen Leuten sind keine Massenmörder, sie sind erfolgreiche Geschäftsleute, Politiker oder Anwälte. Denken Sie an die Vorteile, die man in solchen Berufen hat, wenn man kein Gewissen hat, das einen zurückhält. In den letzten Tagen habe ich mit Leuten gesprochen, die Lake kennen. Sie alle behaupten, er sei nett, aber keiner traut ihm recht über den Weg. Man glaubt, dass er den Charakter eines Hais hat, aber genug Verstand, um sich gerade noch innerhalb der Schranken des Gesetzes zu bewegen. Es gab einige Beschwerden bei der Anwaltskammer, aber keine hatte Erfolg. Ein paar Fälle, in denen er wegen anwaltlicher Fehler verklagt wurde. Ich habe mit den Anwälten gesprochen, die die Kläger vertraten. Lake hat sie alle in die Pfanne gehauen.«
»Es ist ein großer Unterschied, ob man ein gerissener Anwalt ist oder ob man sechs Menschen umbringt, einschließlich der eigenen Tochter«, gab O'Malley zu bedenken. »Warum sollte er sich in Gefahr bringen, indem er in die Höhle des Löwen geht?«
»Damit er sieht, was wir in der Hand haben«, warf Grimsbo ein.
»Ich denke, da steckt mehr dahinter, Chef«, meinte Nancy. »Er hat irgendwas vor.«
Nancy berichtete O'Malley von Lakes Observierungsaktion.
»Das ergibt keinen Sinn«, warf Tuner ein. »Waters steht doch nicht wirklich unter Verdacht. Er war zufällig in der Nähe des Hauses der Escalantes, als die Frau verschwand. Zwischen Waters und den anderen Opfern gibt es keinerlei Verbindung.«
»Aber es gibt eine Verbindung zwischen Lake und jedem der Opfer«, meldete sich Grimsbo zu Wort.
»Heraus damit!« forderte O'Malley.
»Gut. Wir haben Gloria Escalante, die Geschworene bei einem seiner Prozesse war. Mr. Escalante und die Reardons gehören dem Delmar Country Club an. Patricia Cross und Sandra Lake waren beide in der Junior League. Ann Hazeltons Mann ist Staatsanwalt. Er sagt, sie haben an Veranstaltungen der Anwaltsvereinigung teilgenommen, bei denen auch die Lakes waren.«
»Das klingt aber alles nicht sehr überzeugend.“
»Was ist das Besondere daran, dass eine Person Kontakt mit allen sechs Opfern hatte?« wollte Turner wissen.
»Hunters Point ist nicht so groß.«
»Chef«, meldete sich Nancy erneut, »er ist hinter mir her.«
»Wie bitte?«
»Als Frau. Er macht mir Avancen. Das war ziemlich deutlich.«
Nancy schilderte die Art, wie sich Lake bei ihren beiden Treffen in Changs Coffee Shop verhalten hatte.
O'Malley runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht, Nancy.«
»Seine Frau ist vor noch nicht einmal einem Monat umgebracht worden. Das ist doch nicht normal.«
»Sie sehen gut aus. Er versucht, über seinen Schmerz hinwegzukommen. Vielleicht kamen er und seine Frau nicht so gut miteinander aus. Haben sie einen Hinweis darauf gefunden, als sie mit den Nachbarn sprachen?«
Grimsbo schüttelte den Kopf. »Es gibt keine Gerüchte über die Lakes. Nach Aussagen der Leute, mit denen ich gesprochen habe, waren sie ein ganz normales Ehepaar.«
»Dasselbe gilt für das, was ich gehört habe«, bestätigte Turner.
»Macht das Ihre Theorie nicht hinfällig?«
»Dr. Klien behauptet, dass ein Massenmörder durchaus Frau und Kinder haben kann oder eine normale Beziehung zu einer Freundin«, widersprach Nancy.
»Sehen wir uns den Lake-Mord an«, schlug Turner vor. »Wir wissen von einem seiner Partner, der noch länger gearbeitet hat, dass Lake bis kurz vor sieben im Büro war. Der Nachbar hat ihn gegen zwanzig nach sieben nach Hause kommen sehen. Erst fünfundvierzig Minuten später ist der Anruf eingegangen. Was hat er im Haus bei seiner toten Frau und der Tochter gemacht? Wenn sie da schon tot waren, das ist der Punkt.«
»Wir glauben, dass er nach Hause kam und seine Frau ihn mit etwas konfrontierte, das ihn in Verbindung mit den verschwundenen Frauen brachte.«
»Aber es war nichts bekannt. Niemand wusste davon«, gab O'Malley zu bedenken.
»Scheiße!« fluchte Michaels.
»Was?«
»Der Zettel. Es war der einzige mit Fingerabdrücken.«
»Und?« fragte Grimsbo.
»Die anderen Zettel wiesen keine Fingerabdrücke auf, aber auf dem Zettel neben Sandra Lakes Leiche waren ihre Abdrücke. Der Autopsiebericht sagt, dass sie gleich tot war, zumindest aber war sie nach dem Schlag auf den Kopf sofort bewusstlos. Wann soll sie den Zettel angefasst haben?«
»Ich weiß immer noch nicht...«
»Sie hat den Zettel gefunden oder die Rose oder beides. Sie fragt ihren Mann, was das zu bedeuten hat. Ihm ist klar, dass die Sache mit den Frauen irgendwann durch die Zeitungen gehen wird. Gleichgültig, was er ihr jetzt auch erzählt, sie wird dann wissen, dass er der Rosenmörder ist. Er gerät in Panik und bringt sie um, legt die Rose und den Zettel neben die Leiche, um uns auf eine falsche Spur zu locken. Das erklärt, warum der Zettel, den wir bei den Lakes gefunden haben, Fingerabdrücke aufweist«, erklärte Michaels. »Sie hat den Zettel in der Hand gehabt, bevor sie ermordet wurde.«
»Das erklärt auch, warum niemand ein fremdes Fahrzeug in The Meadows gesehen hat.«
Mit gequältem Gesichtsausdruck lehnte sich O'Malley zurück. »Ihr habt mich überzeugt«, sagte er. »Aber eine Theorie ist noch kein Beweis. Wenn es Lake war, woher bekommen wir die Beweise, die vor Gericht standhalten?«
Bevor jemand antworten konnte, öffnete sich die Tür von O'Malleys Büro.
»Entschuldigung, dass ich störe, Chef, aber wir haben gerade einen Notruf hereinbekommen, der etwas mit den verschwundenen Frauen zu tun hat. Haben Sie einen Verdächtigen namens Waters?«
»Was ist los?« fragte Grimsbo.
»Der Anrufer sagt, er hätte mit einem Kerl namens Henry Waters im One Way Inn gesprochen, und Waters habe behauptet, er hätte eine Frau in seinem Keller.«
»Hat der Anrufer seinen Namen genannt?«
Der Beamte schüttelte den Kopf. »Er hat gesagt, dass er nicht mit hineingezogen werden will, doch er müsse immer an das ermordete kleine Mädchen denken, und sein Gewissen lasse ihm keine Ruhe.«
»Wann hat die Unterhaltung in der Bar stattgefunden?« fragte Nancy.
»Vor ein paar Tagen.«
»Hat Waters ihm die Frau beschrieben oder irgendwelche Einzelheiten genannt?«
»Waters sagte ihm, dass die Frau rote Haare hätte.«
»Patricia Cross«, meinte Turner sofort.
»Da steckt Lake dahinter«, erklärte Nancy. »Das ist ein zu großer Zufall.«
»Ich bin derselben Meinung«, pflichtete Turner bei. »Waters als Täter, das ergibt einfach keinen Sinn.«
»Können wir das Risiko eingehen?« gab Michaels zu bedenken. »In puncto Lake haben wir nur logische Schlussfolgerungen. Wir wissen, dass Waters zu dem Zeitpunkt, als Gloria Escalante verschwand, in der Nähe ihres Hauses war, und er ist einschlägig vorbestraft.«
»Ihr Vier macht euch sofort auf die Socken!« befahl O'Malley. »Lieber irre ich mich, als hier herumzusitzen, wenn wir vielleicht eine der Frauen retten können.«
Henry Waters wohnte in einem der älteren Teile von Hunters Point. Eichen beschatteten die breiten Straßen, und hohe Hecken schützten die Bewohner vor neugierigen Blicken. Die meisten der Häuser und Gärten waren gut gepflegt, nur Waters' Haus auf einem Eckgrundstück schien ziemlich baufällig zu sein. Der Rinnstein war verstopft, und eine der Stufen, die zur vorderen Veranda hinaufführten, war kaputt. Der Rasen stand hoch und war voller Unkraut. Die Sonne ging gerade unter, als Nancy Gordon, Wayne Turner und Frank Grimsbo den mit Schieferplatten gepflasterten Weg zu Henry Waters' Haustür hinaufgingen. Michaels wartete im Auto, um, falls nötig, Spuren am Tatort zu sichern. Drei Streifenbeamte waren in einer kleinen Seitenstraße hinter dem Haus postiert. Zwei weitere begleiteten die Detectives den Weg entlang und bauten sich mit gezogenen, aber noch gesicherten Waffen links und rechts neben der Haustür auf.
»Wir sind ganz ruhig und höflich«, sagte Turner leise. »Ich will, dass er mit uns zusammenarbeitet, sonst wird diese Aktion noch übel ausgehen.«
Alle nickten. Nancy schaute zurück auf das hohe Gras des Vorgartens. Das Haus sah verfallen aus, die braune Farbe blätterte ab. Ein Rollladen am vorderen Fenster hing gerade noch an einer Schraube. Nancy spähte durch einen Spalt zwischen der Jalousie und dem Fensterbrett. Im vorderen Raum befand sich niemand. Sie konnten den Ton eines Fernsehapparats hören, der irgendwo hinten im Haus lief.
»Er wird weniger vorsichtig sein, wenn er eine Frau sieht«, gab Nancy zu bedenken. Grimsbo nickte, und Nancy drückte auf die Türklingel. Sie trug einen Blazer, um ihr Pistolenhalfter zu verbergen. Die Hitze des Tages hatte etwas nachgelassen, doch es war immer noch warm. Nancy fühlte, wie der Schweiß an ihrem Körper herunterlief.
Nancy klingelte noch einmal, und der Fernseher wurde leiser gedreht. Durch den halb durchsichtigen Vorhang, der die Glasscheibe über der Tür verdeckte, sah sie einen undeutlichen Schatten den Flur entlang kommen. Als sich die Tür öffnete, zog Nancy das Fliegengitter auf und lächelte. Der schlaksige, feingliedrige Mann erwiderte das Lächeln nicht. Er war in Jeans und ein schmutziges T-Shirt gekleidet; sein langes fettiges Haar war ungekämmt. Waters trübe Augen fixierten zuerst Nancy, dann die uniformierten Polizisten. Er zog die Augenbrauen zusammen, so, als ob er eine Rechenaufgabe lösen wollte. Nancy zeigte ihm ihre Polizeimarke.
»Mr. Waters, ich bin Nancy Gordon von der Hunters Point Polizei.«
»Ich habe nichts getan«, sagte Waters ängstlich.
»Das glaube ich Ihnen«, entgegnete Nancy in freundlichem, aber festem Ton, »aber wir haben einen Hinweis bekommen, dem wir nachgehen müssen. Dürfen wir hereinkommen?«
»Wer ist da?« rief eine dünne Frauenstimme aus dem Hintergrund.
»Das ist meine Mutter«, erklärte Waters. »Sie ist krank.«
»Tut mir leid. Wir werden versuchen, sie nicht zu belästigen.“
»Sie ist krank. Warum müssen Sie sie stören?« fragte Waters mit wachsender Verärgerung.
»Sie verstehen mich falsch, Mr. Waters. Wir werden Ihre Mutter nicht belästigen. Wir möchten uns nur umsehen. Dürfen wir? Es wird nicht lange dauern.«
»Ich habe nichts getan«, stammelte Waters, und sein Blick glitt nervös von Grimsbo zu Turner, dann zu den beiden Uniformierten. »Sprechen Sie mit Miss Cummings! Sie ist meine Bewährungshelferin. Sie weiß Bescheid.«
»Wir haben schon mit Ihrer Bewährungshelferin gesprochen. Sie hat eine gute Meinung von Ihnen. Sie sagt, dass die Zusammenarbeit mit Ihnen sehr gut ist. Wir möchten, dass Sie jetzt auch mit uns zusammenarbeiten. Sie wollen doch nicht, dass wir hier warten, bis einer der Beamten mit einem Durchsuchungsbefehl kommt, oder?«
»Warum wollen Sie mein Haus durchsuchen?« fragte Waters plötzlich wütend. Die Streifenbeamten spannten die Muskeln. »Warum, zum Teufel, lasst ihr mich nicht in Ruhe? Ich kümmere mich nicht mehr um das Mädchen. Ich habe eine Arbeit. Miss Cummings weiß das.«
»Kein Grund, sich aufzuregen«, beschwichtigte Nancy ihn. »Je eher wir uns umsehen können, desto schneller haben Sie Ihre Ruhe wieder.«
Waters dachte nach. »Was wollen Sie sehen?« wollte er wissen.
»Den Keller.«
»Da ist nichts im Keller«, erklärte Waters und blickte völlig verwirrt drein.
»Dann werden wir auch nicht lange bleiben«, versicherte ihm Nancy.
Waters schnaufte. »Der Keller. Sie können alle Keller sehen, die Sie wollen. Da gibt es nichts außer Spinnen im Keller.«
Waters deutete in den dunklen Flur an der Treppe vorbei in den hinteren Teil des Hauses.
»Warum kommen Sie nicht mit uns, Mr. Waters? Sie können uns dann alles zeigen.«
Der Flur lag im Dunkeln, nur in der Küche brannte Licht Nancy sah eine mit dreckigem Geschirr gefüllte Spüle und die Reste von zwei Schnellgerichten auf dem Tisch. Der Küchenboden war fleckig und voller Schmutz. Gegenüber der Küche unter der Treppe befand sich eine massive Holztür. Waters öffnete sie, dann weiteten sich seine Augen, und er trat zurück. Nancy drängte sich an ihm vorbei. Der Geruch war so intensiv, dass sie einen Schritt zurücktaumelte.
»Bleiben Sie bei Waters«, befahl Nancy den Polizisten. Sie holte tief Luft und betätigte den Lichtschalter neben der Tür. Am Fuß der hölzernen Stufen war nichts Ungewöhnliches zu sehen. Nancy hatte ihre Waffe in der einen Hand, die andere lag auf dem wackligen Treppengeländer. Der Leichengeruch wurde intensiver, als sie die Treppe hinunterstieg. Grimsbo und Turner folgten ihr; keiner sprach ein Wort.
Auf halbem Weg die Treppe hinunter bückte sich Nancy und sah in den Keller. Die einzige Lichtquelle war eine nackte Glühbirne, die von der Decke hing. In einer Ecke konnte sie einen Heizkessel erkennen. Seltsame Möbelstücke, die alle irgendwie zerbrochen schienen, standen an der Wand, umgeben von Kartons mit Zeitungen und alten Zeitschriften. In der Wand, die zu der kleinen Seitenstraße hinter dem Haus zu lag, befand sich eine Tür. Ein Großteil des Bereichs neben der Tür lag im Dunkeln, dennoch konnte Nancy einen menschlichen Fuß in einer riesigen Blutlache erkennen.
»Scheiße!« flüsterte sie und schnappte nach Luft.
Grimsbo schob sich an ihr vorbei. Nancy folgte direkt hinter ihm. Sie war sich klar darüber, dass es im Keller nichts gab, was eine Bedrohung darstellte, trotzdem hielt sie die Luft an. Turner richtete eine Taschenlampe in die Ecke und schaltete sie an.
»Mein Gott!« stammelte er mit gebrochener Stimme.
Die nackte Frau lag in einem See von Blut auf dem kalten Beton. Ein bestialischer Verwesungsgeruch ging von ihr aus. Sie war nicht einfach »getötet« oder »ermordet« worden. Sie war regelrecht geschlachtet worden wie ein Vieh. Nancy konnte Stellen verkohlten Fleisches erkennen, dort wo die Haut nicht voller Blut oder Kot war. Die Gedärme der Frau hingen aus einer großen Öffnung im Bauch. Sie erinnerten Nancy an eine Kette von Würsten in einem Metzgerladen. Sie wandte sich ab.
»Bringt Waters hier herunter!« bellte Grimsbo. Nancy sah, wie die Sehnen in seinem Nacken hervortraten und seine Augen sich weiteten.
»Du lässt ihn in Ruhe, Frank«, warnte Turner ihn zwischen zwei tiefen Atemzügen.
Nancy griff nach Grimsbos muskulösem Arm. »Wayne hat recht. Ich nehme das in die Hand. Geh zur Seite!«
Einer der Streifenpolizisten schob Waters die Stufen hinunter. Als Waters die Leiche sah, wurde er bleich und fiel auf die Knie. Er versuchte zu sprechen, brachte aber keinen Ton heraus.
Nancy schloss die Augen und sammelte sich. Es gab keine Leiche; es gab keinen Verwesungsgeruch; dann kniete sie sich neben Waters hin.
»Warum, Henry?« fragte sie leise.
Waters blickte sie mit verzerrtem Gesicht an wie ein verwundetes Tier.
»Warum?« wiederholte Nancy.
»O nein, o nein«, heulte Waters, den Kopf in den Händen vergraben.
»Wer soll das denn getan haben? Sie liegt hier, Henry. In Ihrem Keller.«
Waters starrte Nancy mit weit offenem Mund an.
»Ich lese Ihnen jetzt Ihre Rechte vor. Sie haben das doch schon einmal gehört, nicht wahr?« fragte Nancy, doch es war klar, dass Waters nicht in der Lage war, über seine verfassungsmäßigen Rechte nachzudenken. Er hatte den Kopf weit zurückgeworfen und gab kaum noch menschlich zu nennende, bellende Geräusche von sich.
»Bringen Sie ihn auf die Wache!« wies sie den Beamten an, der hinter Waters stand. »Wenn Sie oder irgendein anderer dem Mann auch nur eine Frage stellen, dann werden Sie für den Rest Ihres Lebens die Toiletten in der öffentlichen Bedürfnisanstalt schrubben. Haben Sie mich verstanden? Bringt ihn in ein Zimmer mit zwei Männern zur Bewachung im Raum und einem weiteren vor der Tür. Keiner, auch nicht der Chef, darf mit ihm reden. Ich rufe von hier aus O'Malley an, um ihn zu informieren. Schicken Sie Michaels her. Er soll ein komplettes Spurensicherungsteam anfordern. Ein Posten kommt an die Treppe.
Niemand kommt ohne die Einwilligung von Glen hier herunter. Ich möchte nicht, dass Spuren am Tatort verwischt werden.«
Grimsbo und Turner waren näher an die Leiche herangetreten. Dabei hatten sie peinlich darauf geachtet, nicht in die Blutlache zu treten. Grimsbo atmete stoßweise, Turner zwang sich, der Frau ins Gesicht zu sehen. Es war das Gesicht von Patricia Cross, zumindest das, was von ihm übrig war. Der Mörder hatte nicht nur ihren Körper bestialisch zugerichtet.
Die Aufmerksamkeit des jungen Beamten war ebenfalls auf die Leiche gerichtet, deshalb reagierte er zu langsam, als Waters aufsprang. Nancy hatte sich halb abgewandt und sah die Bewegung nur aus dem Augenwinkel. Als sie sich umdrehte, lag der Polizist schon auf dem Boden, und Waters stürmte, nach seiner Mutter schreiend, die Treppe hinauf.
Der Beamte, der die Kellertür bewachte, hörte Waters' Schreie. Er trat mit gezogener Waffe in die Türöffnung. Waters stürmte auf ihn zu.
»Nicht schießen!« schrie Nancy in dem Moment, als der Schuss knallte. Der Polizist stolperte nach hinten gegen die Wand auf der anderen Flurseite. Die Kugel traf Waters mitten ins Herz. Er taumelte die Stufen hinunter und schlug mit dem Kopf auf den Zementboden. Waters spürte nichts mehr davon. Er war bereits tot.
10
»Es kam in den Spätnachrichten. Ich kann gar nicht glauben, dass ihr ihn gefasst habt«, hörte Nancy Peter Lake sagen. Sie war allein im Büro der Sonderkommission und schrieb Berichte. Nancy drehte ihren Stuhl in Richtung der Stimme. Lake stand in der Tür des Büros. Er trug Jeans mit Bügelfalten und ein braunblaues Polohemd. Sein Haar war perfekt gekämmt. Er sah aufgeregt und glücklich aus. Nichts deutete darauf hin, dass er an seine Frau und seine Tochter dachte; kein Zeichen der Trauer.
»Wie sind Sie dahintergekommen?« fragte Lake, der sich in einen Stuhl Nancy gegenüber gesetzt hatte.
»Ein anonymer Hinweis, Peter. Nichts, auf das wir stolz sein könnten.«
»Das ist doch wunderbar.«
»Sieht so aus, als ob Sie recht gehabt hätten.«
Lake zuckte mit den Schultern und unterdrückte ein Lächeln. »Sagen Sie«, fragte Lake scheinheilig, »Sie haben doch niemandem davon erzählt, dass ich ihn beobachtet habe, oder?«
»Das bleibt unser Geheimnis.«
»Danke. Ich habe mich wie ein Idiot benommen bei meiner Extratour. Sie haben recht gehabt. Wenn Waters dahintergekommen wäre, hätte er mich vielleicht auch umgebracht.«
»Sie müssen doch erleichtert sein, jetzt, da Sie wissen, dass der Mörder von Sandy und Melody gefasst ist«, warf Nancy ein und wartete auf seine Reaktion.
Lake wirkte auf einmal ernüchtert.
»Es ist, als ob eine riesige Last von mir abgefallen wäre. Vielleicht kommt jetzt alles wieder ins Lot.«
»Wissen Sie, Peter«, sagte Nancy ganz beiläufig, »es gab eine Zeit, da dachte ich über die Möglichkeit nach, dass Sie der Mörder sind.«
»Wieso?« fragte Peter überrascht.
»Sie standen nie ernsthaft unter Verdacht, aber in Ihrer Aussage gab es ein paar Ungereimtheiten.«
»Zum Beispiel?«
»Die Zeit, zum Beispiel. Sie haben erst um Viertel nach acht den Notruf gewählt, aber ein Nachbar hat Sie um zwanzig nach sieben nach Hause kommen sehen. Ich kann mir keinen Reim darauf machen, warum Sie so lange gebraucht haben, die Polizei anzurufen.«
»Sie machen Witze.«
Nancy zuckte mit den Schultern.
»Sie haben mich wegen dieser Sache mit der Zeit verdächtigt?«
»Was haben Sie fast eine Stunde lang gemacht?«
»Mein Gott, Nancy, ich weiß es nicht. Ich war gar nicht mehr richtig bei mir. Ich meine, vielleicht bin ich für kurze Zeit ohnmächtig geworden.«
»Das haben Sie nie erwähnt.“
Lake starrte Nancy mit offenem Mund an. »Stehe ich noch immer unter Verdacht? Soll das ein Verhör sein?«
Nancy schüttelte den Kopf. »Der Fall ist abgeschlossen, Peter. Der Chef wird morgen eine Pressekonferenz geben.
Auf einem Regal im Keller lagen drei schwarze Rosen und einer dieser Zettel. Und natürlich war da auch noch die arme Patricia Cross.«
»Aber Sie glauben nicht daran? Sie glauben wirklich, ich hätte...«
»Beruhigen Sie sich, Peter«, meinte Nancy und schloss die Augen. »Ich bin todmüde und kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Es war ein sehr harter Tag.«
»Ich kann mich nicht so einfach beruhigen. Ich meine, ich mag Sie wirklich, und ich dachte, Sie mich auch. Es ist ein Schock für mich, zu erfahren, dass Sie ernsthaft geglaubt haben, ich könnte etwas tun... so etwas, was dieser Frau angetan wurde.«
Nancy öffnete die Augen. Lakes Blick war abwesend, so, als hätte er Patricia Cross' gemarterten Körper vor Augen. Doch er war nicht mit am Tatort gewesen und hatte auch den Autopsiebericht nicht gelesen. Den Medien war der Zustand von Patricia Cross' Leiche verschwiegen worden.
»Ich sagte, Sie waren nie ernsthaft unter Verdacht, und das stimmt«, log Nancy mit einem gezwungenen Lächeln. »Wenn es anders gewesen wäre, dann hätte ich Turner und Grimsbo von Ihrem nächtlichen Ausflug erzählt, oder?«
»Das ist anzunehmen.«
»Nun, das habe ich nicht, und jetzt, da Waters entlarvt ist, können Sie gar nicht mehr unter Verdacht stehen, klar?«
Lake schüttelte den Kopf.
»Hören Sie«, sagte Nancy, »ich bin wirklich am Ende meiner Kräfte. Ich muss noch einen Bericht schreiben, und dann verschwinde ich. Warum gehen Sie nicht auch nach Hause und beginnen mit Ihrem neuen Leben?«
Lake stand auf. »Das ist ein guter Rat. Ich werde ihn befolgen. Ich möchte Ihnen für alles danken, was Sie für mich getan haben. Ich wüsste nicht, wie ich das alles ohne Sie durchgestanden hätte.“
Lake streckte ihr die Hand entgegen. Nancy starrte einen Augenblick darauf. War das die Hand, die Patricia Cross und Sandra und Melody Lake ermordet hatte, oder sah sie schon Gespenster? Nancy gab Lake die Hand. Er hielt sie etwas länger als notwendig, dann ließ er sie nach einem kurzen Druck los.
»Wenn die Dinge bei uns beiden wieder im Lot sind, dann würde ich Sie gerne zum Essen einladen«, fügte Lake hinzu.
»Rufen Sie mich an«, antwortete Nancy, und ihr Magen verkrampfte sich. Sie lächelte, aber dieses Lächeln kostete sie alle Kraft.
Lake verließ den Raum, und Nancys Lächeln verschwand augenblicklich. Waters als Täter, das war zu schön, um wahr zu sein. Sie glaubte nicht, dass er für die Schweinerei in seinem Keller verantwortlich war. Lake musste von der Seitenstraße und der Hintertür gewusst haben. Wenn Waters arbeitete und seine Mutter krank war, musste es ein leichtes gewesen sein, mit dem Wagen hinter das Haus zu fahren, ohne gesehen zu werden. Dann hätte er den Körper in den Keller bringen und dort so bestialisch zurichten können. Lake war der anonyme Anrufer, da war sie sich sicher. Aber sie hatte keinerlei Beweise. O'Malley würde der Öffentlichkeit schon bald mitteilen, das Henry Waters der Mörder war, und der Fall der verschwundenen Frauen war abgeschlossen.